Davon war auch in der Wirtsstube die Rede, als Afra auf Cismaren zu fortgeritten war. War nicht durch diesen Vorfall die schlimmste Befürchtung erwiesen? Sie mußte ihm folgen, wohin er wollte, sein bösartiges Spiel mit ihrer Seele trieb sie rastlos hin und her, und sicherlich war Iduna im Recht, die erzählt hatte, er würde noch das ganze Schloß in seine Gewalt und in seinen Besitz bringen.

Woher mochte diese Macht kommen, die keinem erklärbar schien? — Er schritt mit seinen versonnenen Augen arglos dahin, bald hart und fest, die Stirn im Licht, dann wohl auch gebeugt und fast armselig, wie einer, den die Welt verstoßen hat und der seine Wirkungen verachtet. Und doch ging etwas von ihm aus, das seltsam einschüchterte, das ein Besinnen nach den eigenen Zielen und nach dem Wert des eigenen Besitzes wachrief. Mit dem Aufschlag seiner Augen wurde umher ein Wille lebendig, der alle kleine Kraft verächtlich machte, es fand mit ihm eine heimliche Umwertung statt, und ein Verlangen wachte auf, das seinen Ursprung in der Kindheit hatte und dessen Ziel mit aller Hoffnung der Zukunft verwoben schien. Er hatte recht, wenn er sprach, und beinahe eher noch, wenn er schwieg. Schön und häßlich veränderten vor ihm ihr Angesicht und arm und reich ihren Wert. Sein Urteil konnte das Herz in wilde Trauer werfen und war so unvergeßlich wie das Wesen und die Gestalt seiner Hände.

Das mochte man wohl feststellen und bedenken, dieses und mancherlei mehr, je nach dem Maß von Anspruch und Erkenntnis, aber die Lösung der Rätsel seiner Wirkung war damit nicht gegeben, denn die Menschen wissen nicht, daß alle bedeutungsvolle Einwirkung allein aus dem unverfälschbaren Wert eines großen und guten Herzens stammt. So wurde Zweifel zu Haß oder Liebe, aber bald gewahrte man, daß im Grunde diejenigen geachtet wurden, die ihn liebten.


Mit der Neige dieses Tages war Paule in einem Gasthaus eingekehrt, das an einem Tannenwäldchen, nahe der Landstraße, zwischen Wartaheim und Cismaren lag. Die Herberge war wenig besucht und erfreute sich keines besonderen Ansehens. Nur an schönen Sommertagen waren die Tische und Bänke unter den tiefästigen Kastanien zuweilen von allerlei leichten Gästen bevölkert, deren Ziel die Hoffnung auf bessere Zeiten und deren Heim die Landstraße war. Auch kehrten Fuhrleute dort ein, wenn die Nacht sie überraschte, denn bis Cismaren waren es noch zwei volle Stunden Wegs. Der Ruf der Schenke und ihres Eigentümers war unter Menschen wohlgeordneter Lebensführung der denkbar geringste, es ging das Gerücht, daß dort vor Jahren ein reicher Viehhändler eingekehrt und seit jener Nacht spurlos verschwunden war. Da die Anner dicht am Hofe vorüberfloß, lag der Schluß nahe, daß der Leichnam des Ermordeten sein Grab im trüben Frühlingswasser des Flusses gefunden hatte. Das Gasthaus führte den seltsamen Namen »Die Knickburg«.

Dort war Benvenuto Paule eingekehrt. Ihm gefiel das vom Tannenwald halb versteckte Haus, das flache Flußufer und das Silberband des Wassers hinter den Weiden. Von dem kleinen Zimmer aus sah man über das ebene Land hin und hörte den Wind in den Tannen. Wartalun war im Grau der Abendferne versunken. Er war noch nicht lange dort, als er den Hufschlag eines Pferdes auf der Landstraße vernahm, und von einer heißen Befürchtung befallen, stand er mitten im Zimmer und lauschte. Er faltete seine Hände und horchte auf die dumpfen Stöße seines Herzens und lächelte geringschätzig über sich und wollte nicht glauben, wieviel Hoffnung sich hinter seiner Furcht und wieviel Schwäche sich hinter seinem starken Willen verbarg.

Und dann kamen Schritte näher. Das etwas krächzende Organ des Wirtes erscholl auf der Holztreppe, eine helle, klare Stimme fiel ein. In goldenen Strömen sank es vom Himmel auf Haupt und Herz des Mannes nieder, der sie hörte. Nie, niemals in seinem Leben ist er so glücklich gewesen.

Als sich nun die Tür öffnete, sich rasch wieder schloß und Afra vor ihm stand und das Lebenslicht ihrer hellen Augen seine Seele rief, ihn selbst, sein ganzes Wesen, restlos bis in die Verborgenheit seiner einsamsten Erwartungen, wußte er plötzlich in der Verzücktheit einer grenzenlosen Traurigkeit, daß der Weg durch das Tal der Welt durch ein leuchtendes Tor von Rosen führt.

Er riß Afra an sich und preßte sie an seine Brust mit der Kraft seiner Arme und von einem Feuer entflammt, das ihn zu betäuben drohte. Er küßte ihren Mund und ihr Angesicht, ihre Wangen und ihre Stirn, als wäre die Hingabe seines Wesens zugleich eine todeszärtliche Abwehr gegen ihre große liebliche Macht.

Über Afras harten Augen, die sonst wie heller Stahl glänzten, lag Marias Schleier. Ein Triumph der Hingabe verklärte ihr weit zurückgeworfenes totenbleiches Angesicht. Ihr Mund mit seinen halbgeöffneten Lippen schien einen Kelch von grauenhafter Süßigkeit zu schlürfen, derweil ihre Hand das Herz schützte, aus dem ihr Blut in Strömen rann.