»Steig ein«, sagte Afra mechanisch.
Er gehorchte wie in einem Taumel, und ebenso setzte sich der Stallbursche wieder auf seinen Kutschbock, als Afra es ihm befahl, und er nickte, als sie ihn anwies, den Weg zu fahren, der gewünscht worden war. Die Pferde zogen träge an, die Lichter begannen ihr schaukelndes Spiel mit den Schatten, den leeren Bäumen und dem nassen Erdboden.
»Leb wohl, Afra«, scholl es aus dem Wagen und verklang in Finsternis.
Als Afra am Morgen in Wartalun erwachte, begann es zu dämmern. Es war ein grauer Tag, der heraufzog. Helmut ruhte auf dem schweren Eichenbett, das schon durch Jahrhunderte die Männer und Frauen des Geschlechts in Empfängnis und Verscheiden beherbergt hatte, und neben dem seinen stand das Lager, in dem sein Weib in einer vergangenen Leidensnacht den Untergang des Hauses in wahrsagerischen Schmerzen empfunden hatte.
Die Hände des Verschiedenen waren hoch über seiner durchschossenen Brust gefaltet, blanke grüne Efeublätter fügten sich darüber zu einem schmalen Kranz, auf dem sein Kinn ruhte. Um die verwundete Stirn war ein weißes Tuch gewunden, das dicht über den versunkenen Augen die gequälte Stirn glättete und die blauen Lider in sanfte Schatten bettete.
Die Kunde seines gewaltsamen Todes war schon in den Abendstunden des vergangenen Tags nach Wartaheim und Cismaren und in die umliegenden Ortschaften gedrungen. Sie hatte das abergläubische Grauen der Bevölkerung, die sich seit langem mit den Ereignissen beschäftigte, die Wartalun heimsuchten, zu großem Entsetzen gesteigert. Aber es waren doch manche unter den überraschten Beurteilern gewesen, deren Gemüter von Erbarmen und Trauer bewegt worden waren. So mochte sich der seltsame Trupp zusammengefunden haben, der an diesem trüben Morgen durch den Nebel auf Wartalun zuzog. Es waren einfache Handwerker, ihrer fünf oder sechs, von denen erst vor einigen Monaten einige zum Tanz im Schloßsaal aufgespielt hatten, die mit ihren Blasinstrumenten in den Hof kamen und sich unter der kahlen Linde gruppierten.
Und dann klang es unerwartet und in hilfloser Trauer in den verhangenen Morgenhimmel empor, zu den Fenstern des Schlosses hinauf, eine kläglich trauervolle und rührsame Melodie, die sich leise und voll Jämmerlichkeit langsam fortschleppte, in wehmütigen, süßen Schleifen und weinerlicher Armut, von einem robusten Horn begleitet, das immer in zwei harten, knatternden Takten bald höher, bald tiefer begleitete und die Weise vor sich her zu stoßen schien. So standen sie unten in der nassen Luft, in ihren schwarzen Röcken, in den Gesichtern jene angestrengte Trauer, die einfachen Männern aus dem Volk jede ernste Beschäftigung verleiht, und ihre vom Nebel beschlagenen Hörner blinkten golden unter den ehrwürdigen und altmodischen Hüten.
Das Gesinde versammelte sich scheu in den Türen. Der lichtlose Morgen machte alle Gesichter blaß und krank, und niemand wehrte diesem wohlgemeinten Abschiedslied, das dem jungen Herrn galt, dem letzten Herrn des Schlosses Wartalun, dem schon die Väter des Landes gedient hatten, solange man zurückdenken konnte.
Afra erwachte durch diese Musik in einer heißen, beseligten Bestürzung, die ihr wilde Schauer eines Lebensbewußtseins durchs Blut jagte, daß ihr für Augenblicke zumute war, als durchflöge sie, von stürmischen Winden dahingerissen, diese aufgeschreckte Erdenluft, weithin, weit fort über verödete Steppen und braches Land, ungewissen Himmeln entgegen. Mit weit geöffneten Augen lauschte sie ihrem so hilflos beschwingten und kargen Hochzeitslied, diesem Totengesang vernachlässigter Menschenseelen.