»Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben noch hast du mir gesagt, daß wir reich seien, wie kann dir da an einem geringen Opfer liegen, wenn es meine Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?«

»Du denkst falsch von Afra«, sagte er ruhig. »Sie ist ein Kind. Ich kann ihr nicht morgen verweigern, was ich ihr heute zugesagt habe.«

»So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh, wie ich dies Mädchen kenne.«

»Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre Stellung zum Herzen des Verstorbenen legt mir Pflichten auf. Er macht mich auf eine Art für ihr Ergehen verantwortlich, die ich achten muß, wenn ich mich seines Erbteils als würdig erweisen soll. Ich will dir morgen seine Worte zeigen. Ich fühle tief innerlich, daß ich zu den Dingen stehen muß, wie er zu ihnen gestanden hat, daß diese Pflicht einen Teil meines Lebensschicksals in sich einschließt und daß ich nichts daran ändern kann, ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.«

Er sprach ernst und so überzeugt, daß es beinahe drohend klang.

Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihn groß und entsetzt an, ihr dunkles Haar hing nächtlich schwer und wie in Trauer um die blassen Züge ihres Gesichts.

»Helmut ...«

Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und wollte sich nicht mehr trösten lassen. —

Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als habe der Schlaf die junge Frau aus ihren Ängsten in sein Vergessen hinübergetragen, aber der Gutsherr von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein das Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk des Erkers endlich ganz verschwand und nur noch sein Widerschein ein ganz spärliches Licht zu ihm in den Schlafraum sandte. — Aus seinem Schmerz rettete ihn ein bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinüberdrängte, jener Trotz der immer neuen Erwartung, den nur die Jugend hat, der über die Werte der Gegenwart zu täuschen weiß und der das aufrichtigste Herz zu betrügen vermag. Eine fremde, süße und eifrige Freude, von der es ihm erschien, als ließe sie flackernde bunte Tüchlein der Daseinslust vor seinen sehenden Augen tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewußtsein von Schuld. Bis seine Müdigkeit ihm alles verwischte, und in der Wohltat dieses lauen, gnädigen Versinkens traf ihn geheimnisvoll das Wort des Toten: »Die Reichen sind oft mißgeschickt zum Kampf.«