»Hast du eine Kugel im Lauf?« fragte Martin.
»Eine Kugel? Du bist verrückt. Tritt zur Seite.«
Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das Haar zurück und kommandierte. Die Tür flog auf, aber das verängstete Tier wagte den Sprung in die Freiheit nicht ohne Besinnen. Afra stieß die Kiste mit der Fußspitze an, daß sie wohl einen Meter weit über den Rasen rutschte, da huschte es heraus, windschnell, ein Schatten, kaum daß das Auge ihm folgen konnte, grad auf den See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um seitlich zu entkommen, krachte der Schuß unter den kühlen Augen, die dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten. Das Tier schnellte kerzengerade empor, reckte im Todeskampf alle vier Füße starr von sich ab und kreiste im Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie ein zerstörtes Uhrwerk im Ablaufen.
Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht heran und schaute zu, wie Tod und Leben in dem kleinen zähen Körper rangen. »Er hat genug«, sagte sie zu Martin, der zu einem zweiten Schuß riet, und wies ihn mit einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als wünschte sie keine Gemeinschaft in ihrer Betrachtung. Ihre Augen, voll Grauen und Andacht, folgten jeder Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken Augen waren noch ungebrochen, sie glühten lebensgierig und voll böser Unschuld. Aber dann öffnete sich das beinahe süße, unendlich feine Raubtiermaul, öffnete und schloß sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in die Morgenluft, zu den Gräsern, die über ihm schaukelten, und sank dann nieder, ohne einen Schatten von Leid oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei Lebzeiten, und voll natürlicher Würde.
Oben im Schloß bewegte sich im Schlafzimmer eine Gardine. Die Herrschaften waren durch diesen Schuß aus dem Schlaf erwacht. Melchior trat hinzu und meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht.
Sie sah ihn an.
»O Guter«, sagte sie still, »deine Sorge wäre auch vor der Schandtat zu spät gekommen. Übrigens ist es Zeit, aufzustehen.«
Fünftes Kapitel
Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr eines Tages mit dem Morgengrauen, und, den Sinn voll erregter und trüber Gedanken, wanderte er planlos die Landstraße entlang, die auf das Dorf Wartaheim zuführte. Die auf dem Schlosse verbrachte Zeit hatte seiner inneren Bedrängtheit und dem Gefühl von Fremdheit, das ihn quälte, keinen Abbruch getan. Als die gewohnten Möbel und Hausgerätschaften angelangt waren, hatten sie sich nirgends einpassen wollen, und der größte Teil war auf die Dachböden gestellt worden. Ihm schien, als sollte auch äußerlich alles anders für ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von unerbittlicher Notwendigkeit gedrängt, auf neue Werte einzustellen. Der Druck, der auf seiner Seele lastete, wurde ihm um vieles schmerzhafter unter der geduldigen Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr über die Dinge gesprochen, die in einer Nacht so gewichtig zwischen ihnen gestanden hatten, aber die Schatten jener Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm nun auswichen, wenn andere als alltägliche Angelegenheiten erwähnt werden sollten, verfolgte ihn überall, anklägerisch ohne Zorn.