Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er ließ sich kraftlos dahintreiben, auf irgendein Ereignis vertrauend, das alles ändern sollte, das er bald ersehnte, bald fürchtete. Anfangs hatte er sich bemüht, die Gutsangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und kluge Natur sträubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam in sein Wirkungsgebiet zu bringen, das in Afras Händen besser verwaltet wurde. Seine Anerkennung verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die Aufrichtigkeit, in der er bewundern konnte, was sie gelassen und einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine Wohltat hin, in der er sich zugleich in seiner Stellung entschuldigt fühlte. Er war voll lauten Lobes ihrer Fähigkeiten, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer fachlichen Geschicklichkeit und empfand doch, daß sie gerade durch diese Eigenschaften mehr und mehr Macht über ihn gewann. Sein Trost war, daß er es gerecht nannte, jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, für dessen Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig hingehen lassen, als er einmal von Martin erfuhr, daß er die bestellten Kutschpferde nicht bekommen könnte, da Fräulein Afra ihrer bedürfe. Als der Landrat vor Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten bestellen lassen, der gnädige Herr sei verhindert, ihn zu empfangen, er möge gelegentlich wiederkommen. Als er dies erfuhr, ließ er Afra zu sich bitten, da er glaubte, Rechenschaft über diesen selbständigen und scheinbar unbegründeten Schritt fordern zu müssen.
Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des Gartens mit in sein dämmeriges Zimmer und lachte, als er von seiner Sorge sprach, der Herr möchte gekränkt sein. »Sehen Sie«, sagte er unsicher, »der Freiherr tut mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...«
Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus:
»Sie würden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte«, sagte sie bedacht und eifrig. »Er hat sich etwas vergeben, indem er kam, ohne Ihren Besuch abzuwarten. Das ist nicht höflich, sondern unterwürfig. Er kommt auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem Reichtum und weil er hofft, endlich die Beachtung zu finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er würde Ihnen dafür die besten Rehböcke jenseits der Grenze fortschießen.«
Helmut mußte lächeln, aber sie blieb ernst.
»Nun weiß er seine Stellung«, fuhr sie fort, »und Sie können unbesorgt sein, er wird wiederkommen.«
»So?« fragte er und sah auf. »Wohl nicht einzig meinetwegen?«
Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres in der Welt als ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin:
»Er langweilt sich.«
Es waren vielerlei derartige Vorfälle gewesen, die ihm bewiesen hatten, daß er gut daran tat, Afra die Zügel dieser ländlichen Herrschaft zu lassen, denn sie hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden hatte. Ihren natürlichen Sinn für das Zweckmäßige, der weit über die Bedürfnisse des Alltags hinausging, bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte. Denn er fühlte und wußte wohl, daß seine Geistigkeit und alles, was ihn innerlich beschäftigte am Fehlen dieses gesunden Sinns litt, den keine Arbeitskraft entbehren kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt.