Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt nach, als er an diesem kühlen Sommermorgen durch die Felder seines Guts ging. Ein rechtes Gefühl für die Bedeutung der Tatsache, daß dies alles in Wahrheit sein Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte er es sich mit leisem Staunen vor: »Diese Bäume sind mein, diese Häuser, dies Land, so weit ich es sehe, und dieser See.« Fehlte ihm denn der Sinn für das Erfreuliche dieser Wahrheit und wurden alle Vorzüge seines neuen Lebens ihm nur deshalb nicht zur Gewißheit, weil sein Inneres durch ganz andere Erkenntnisse und Zwiespalte ausgefüllt war?
»Arme Elsbeth«, sagte er plötzlich laut.
Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst, wie einem grausamen Richter, sein erstes Geständnis abgelegt.
Die Landstraße wurde über eine breite, schwerfällige Brücke geführt, die über die Anner geschlagen war. Er wußte, der kleine Fluß begrenzte gegen Norden sein Gut. Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland, durchfloß die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmühle, die es trieb und die ihm gehörte. Ohne rechten Entschluß bog er in die Wiesen ein und schritt den schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang nach der Mühle führte.
In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten Libellen, der Morgen leuchtete silbern im Wasser, und am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte still und schnell dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und verbreitete einen süßen, wärmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit. In den Birken lag der erste Frühsonnenschein.
Wie glücklich es sich hier leben ließe, dachte der Dahinschreitende, eine große Welt umgibt mich, die mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im Grunde nicht mehr als die Schätze in der eigenen Brust; nur so viel unsere eigene Natur enthält, wird aus der Umwelt unser Eigentum.
Durch die Bäume klang das ferne Rauschen des kleinen Wasserfalls von Annerwehr. Als er die letzten Uferbüsche durchschritten hatte, die den Weg beengten, sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mühlrad glitzerte vom rinnenden Wasser.
Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall saß Afra. Er blieb stehen und schaute zu ihr hinüber. Es wunderte ihn nicht, sie so plötzlich vor sich zu sehen, beinahe erschien es ihm natürlich, da seine Gedanken bei ihr geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd sich grasend auf dem Wiesengrund. Als er hinzutrat, sah er, daß sie fischte. Sie wandte sich nach ihm um und lächelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon längst gesehen, so ohne Überraschung begrüßte sie ihn.
»So früh schon?« sagte er herzlich im Aufwallen eines Gefühls von inniger Freude.
»Oh, bitte, treten Sie ein wenig zurück«, bat sie, »Ihr Schatten darf nicht aufs Wasser fallen.« Sie wies neben sich. Im Gras, ihr zur Seite, lagen zwei prächtige Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach ihm umzuwenden, dann rückte sie auf der Bank ein wenig beiseit, um ihm Platz zu machen.