»Auch dies verstehen Sie«, sagte er, »wie wohl es Ihnen ansteht, Afra. Und Ihr Erfolg macht es nützlich.«
»Wie weise«, lachte sie, »Ihr Oheim hat es mich gelehrt.« Er sah ihr zu, wie sie langsam und sorgfältig einen neuen Wurm auf den Haken zog. »Wenn er sich noch bewegt, so ist es am besten«, erklärte sie ihm, »die Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht deutlich, sie schießen auf die Bewegung hin zu.« Sie schnellte die Angel in das Gefälle, so daß sie durch die Strudel in die Mitte des Kessels trieb, den der Fall bildete.
Ihm war, während er in das kreisende Wasser starrte, als wäre irgend etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn seiner Stimmung war dahin. Auf den Wiesen, jenseits des Wassers, wurde Gras gemäht, und in den Niederungen schritten Störche durch die flachen Tümpel. Sie schwiegen beide. Afras klares Gesicht war voll heller Wunder einer unbedachten Seligkeit an Jugend und Leben. Nach einer Weile trat der Müller zu ihnen, grüßte zurückhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn aufmerksam.
Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra überflüssig fand. »Es wird mir schwer, mit den Leuten in rechte Beziehung zu treten«, sagte er später dem Mädchen; sie lächelte unter den sinnend gesenkten Augen und antwortete nicht. »Ich habe keine rechte Ruhe mehr zum Fischen«, meinte sie bald darauf und zog die Angel ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge des Müllers, und bald darauf schritten sie miteinander quer über die Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute.
Er wußte nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade nun kam, aber plötzlich empfand er: sie ist herzlos. Wie sie vor ihm dahinschritt, berauschte ihn die liebliche Vollkommenheit ihres jungen Körpers, seine Frische und Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstörbarer Seligkeit gewiß, die kleinen kräftigen Hände, die unberührten Augen und die rötlichen Feuer ihres Haars an den Schläfen. Zögernd sagte er:
»Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine Pflichten.«
Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb, denn es sei am besten, sie übernähme diese Pflichten an seiner Stelle. Dann fragte sie ihn ganz unvermittelt und ein klein wenig unsicher:
»Ich habe gesehen, wie viele Bücher Sie mitgebracht haben, und mich verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind welche darunter, die ich verstehen kann?«
»Viele«, sagte er eifrig, »ich will Ihnen welche auswählen, und wenn es an Verständnis fehlen sollte, so will ich gern nachhelfen. Es ist hübsch, ein Buch miteinander zu lesen.«
Sie nickte zögernd, dann sagte sie: »Die Bücher, welche der Pfarrer von Wartaheim aufhebt, erfreuen mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu da, damit er sie jährlich einmal vom Staub reinigen kann. In den Büchern der Schloßbibliothek finde ich mich nicht zurecht. Es sind alles große schwere Bände und so dick, daß man den Mut verliert, bevor man sie geöffnet hat.«