»Ich habe immer nur mit meinen Büchern gelebt«, fuhr er fort, ohne auf sie einzugehen. »Schon als Kind. Sie waren in aller Bedrängnis meines Lebens meine Gefährten und meine Tröster. Sie schauen mich zweifelnd an, gewiß glauben Sie nicht recht, daß es für mich oft schwere Stunden gab. Äußerlich war es auch nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast immer allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und habe von den Freuden meiner Jugendgenossen nur die wenigsten teilen können. Ich fühlte mich dem Leben gegenüber zurückgesetzt, weil ich niemals die glückliche Unbefangenheit gehabt habe, seine Güter bedachtlos als mein Recht für mich zu beanspruchen. Es ging mir den Gütern des Daseins gegenüber ähnlich, wie es Ihnen angesichts der Bücher unserer Bibliothek ergangen ist. Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre Größe. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von Ihnen ...«
»Denken Sie nicht gut von mir?«
»Aber Afra, nicht doch, oh, gewiß nicht. Sie müssen verstehen, wie ich Sie sehe. Sie sind für mich wie eine Offenbarung dessen, was Gott mit uns Menschen vorgehabt hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene Verwirklichung eines glühenden Traums. So stark, so unschuldig ist alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken trüben Ihren reichen, glücklichen Tag, Sie sehen das Leben vor sich liegen in fröhlicher Erwartung des Besten, was kommen kann, Sie sind schön, Gott weiß es, Sie sind wunderschön!«
»Oh«, sagte sie leise und hob ihr erglühtes Angesicht zu ihm empor, senkte schnell wieder das blonde Haupt und stammelte:
»Warum sprechen Sie so gut von mir?«
»Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen, wie von Herzen lieb Sie mir sind«, sagte er rasch und bebend und blieb stehen und preßte die Hände ineinander. Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als wünsche er sich nichts, als sterben zu dürfen.
»Aber nein ...« sagte sie, und dann begann sie plötzlich zu lachen, trat auf ihn zu und suchte seine Hand zu ergreifen. Aber sie konnte seine Hände nicht auseinanderlösen, da sank auch die ihre nieder, und sie starrte ihn mit großen verwunderten Augen an, wie er dastand in der Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten Gesicht, und ihr war zumut, als sei er unerreichbar fern und ganz allein in der grünenden Erdenweite, die sie umgab.
»Du lachst«, sagte er, krank vor Bitterkeit.
»Was soll ich denn sonst tun?« rief sie trotzig.
Der gekränkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich.