»Kind«, sagte er, »ach Kind. Vergib ... vergeben Sie, Afra. Versuchen Sie, mich zu verstehen. Es muß Ihnen schwer sein — glauben Sie mir, daß ich anders als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...«
»Ja, so erscheint es«, sagte sie, hart auch gegen sich selbst.
»So erscheint es Ihnen!« Er sah sie einsam an. »Nur dies erkennen Sie, nur dies geben Sie mir zu. Wer in der Welt weiß mehr, wer spricht mich noch frei? Ach, nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme noch hören will, diese schöne, herzlose, klare Menschenstimme. Afra, so klang es mir schon meine ganze Jugend hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich mich herabsetzte, um anderen recht zu geben, die geringer als ich waren, so ist immer dieselbe Antwort zurückgekommen, die Sie mir gegeben haben.«
»Warum sind Sie traurig?« fragte Afra.
» Oh Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich bin es nicht, da es doch dich in der Welt gibt. Denke von mir, wie du willst, ich denke an dich in all der Frömmigkeit, zu der mein Herz verurteilt ist.«
»Wie soll ich Sie denn recht verstehen?« fragte sie betrübt. »Es macht mir Angst, wie Sie sprechen. Ich habe ja nicht gelacht, um Sie zu verletzen, ich habe überhaupt nicht über Sie oder über Ihre Worte gelacht. Ich habe gelacht, weil es mich schüttelte. Sie verstehen wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann. Dann trug gewiß auch noch dazu bei«, fuhr sie zögernd und mit einem schüchternen Lächeln fort, »daß Ihre Brillengläser in der Sonne so zornig blitzen, daß ich denken mußte, es wären Ihre Augen, die ich nicht sehen konnte. Denken Sie, solche Augen macht doch niemand, der so trübsinnig redet.«
Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich nickte.
»Dir gegenüber«, sagte er dann zögernd, »werden alle anderen zuletzt unrecht haben.«
»Wieso?« fragte sie.
Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann ganz neuer Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes Lächeln in den früh gealterten Zügen seines Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut ihr Haupt zurück in den Sonnenschein. — Es blieb von diesem Tage ab heimlich zwischen ihnen bei diesem »Du«, das ein Augenblick der Erregung mit sich gebracht hatte.