Sechstes Kapitel

Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge von den Fenstern ihres Wohnraumes fort, der Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht, als sie sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen Geruch von Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im stillen Hof hörte sie feine hohe Stimmchen im Dunkeln, drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine Eule starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen. Die Schatten der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich an der Mauer emporhoben, lagen im Hof.

Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des Schlosses, die ihr der alte Graf seit ihren frühesten Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie waren seit kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht zwanzig Jahren. Der zierliche Schreibtisch aus alter Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen Beinen und seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten Arbeitstisch Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit des geschäftigen Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher und Rechnungen, die Arbeitshefte des Gesindes und Kornproben neben Jagdpatronen. Die geflochtene Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines Ende lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer Planzeichnung der neuen Grabenanlagen von Wendalen. Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem Kranz von Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des letzten Grafen von Wartalun hernieder.

Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten Sonnenhut mit raschem Griff von den hellen Haaren, warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett in die Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten, und ließ sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das Kinn in den Händen, sah sie in das Angesicht des Toten empor, der in ihrem Herzen lebte.

Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit der vielerlei Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien das Mädchen wie ein großes verirrtes Kind. In der Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage schweigt, begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes Raunen stand auf, schwirrte durch den Raum wie Insekten der Nacht, alles sprach leise durcheinander und blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens, als käme von ihnen ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen und Buchstaben brausten leise fernher die wogenden Kornelderf im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme ächzten im Sinken, und das Wasser plätscherte über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen, heiße Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen und Weinen erklang. Nun brach es stürmisch durchs grüne Unterholz des Waldes, schnellte verzweiflungsvoll empor, und über dem feuchten Moos brachen die großen, friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr inbrünstiges Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund klang der Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot über die Hänge und verwandelte die Kornfelder in ein goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in den Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem noch eben eine Stalltür angeschlagen hatte ...

Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche Weise lebte draußen in der Kühle. Sie sah hinaus mit einem traurigen Blick, der eben noch wie um Antwort bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht hatte. Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte sie nicht im Grunde zu ihm gesprochen, während alles umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf einen Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein gewesen. Du bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe geliebt, ohne zu würdigen, daß sie mir galt, ich habe sie niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe, in ihr bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen anderen bin ich früh verdammt, älter zu sein als sie, härter als sie und als ich möchte.« — Sie hatte sicher diese Worte nicht gesagt, aber sie mögen etwas von dem enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte.

Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen und erbost und angstvoll. Ein böses, andauerndes Bellen folgte und kam eilig näher. Afra trat ans Fenster und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die Hunde gaben nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch sicherer und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß man ihre Warnungen beachtete. Da rief Afra mit ihrer klaren Stimme die Namen der Tiere, und sie kamen heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet und widerwillig gebannt. Und wenn auch bebend und mit funkelnden Augen, so gehorchten sie doch auch nun, als langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die Holzpforte zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber und fühlte ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie eben noch an ihn gedacht hatte, der draußen im Grund des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit kurzem Auflachen über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über das niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der fremden Erscheinung entgegenzugehen. Die Hunde folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer Schutz, eines Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann Aja zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge Gräfin von Wartalun, die Gattin des Mannes, der heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten war.

Sie öffnete die Holzpforte.

»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie das dünne Tuch über den Schultern der jungen Frau erkannte.