Es kam keine Antwort.
Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber irgend etwas daran beschämte sie, und sie empfand, daß dies Gefühl von Scham nicht allein demütigend für sie selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an dieser Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten Tag unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft werden alle den Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten stiften Unordnung, weil sie den Einfachen ihre einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses Urteil daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte niemals bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte, an dessen großem Herzen sie trotzdem nicht gezweifelt hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber ohne sich herbeizulassen und ohne zu demütigen.
An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene Angesichter auf. Nun mußten sie die Treppe zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen wie unter einem Aufschrei. Afras ruhige Augen ließen alles gelassen geschehen. Als sie endlich im Stübchen des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am Kamin stand, und sprach wie zu sich selbst leise Worte vor sich hin.
Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die junge Frau das Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar. Alles, was jetzt kam, entwickelte sich so unverständlich hastig, so leidenschaftlich schnell und überraschend, daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte, um was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen langen weinenden Aufschrei, so klagend, wie sie niemals die Stimme eines Menschen gehört hatte, und verstand von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder die flehentliche Bitte klang:
»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!«
Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand unbewußt, daß alle Mittel, deren Macht sie erprobt hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne Wirkung bleiben würden.
»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ich flehe dich an, geh fort, ich und das unwissende Kind, das mir an meinem Herzen vertraut. —
Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht unschuldig, das weiß allein der barmherzige Gott, der dies Unglück zugelassen hat, aber was kommt, ist gräßlich. Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind, um derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz seines Vaters erheben, und er wird sich dann zu seinem Glück zurückfinden lernen, das du gemordet hast. Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst einherläuft. Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind nicht, das sich nicht wehren kann. — Ich hätte meine Heimat nicht verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser Geister, die alles verderben. Nimm von uns, was du willst, ich bin reich — aber geh noch in dieser Nacht.«
»Stehen Sie auf!« rief Afra.
»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf Sie niemals wiedersehen. Er greift im Schlaf nach Ihnen und stammelt von seinem Verlangen, indem ich das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe nicht gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als ich von meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa, ich könnte nicht sterben? Leicht, leicht! Ich habe verlernt zu leben, der Tod ist süßer als jeder Schlaf für mein zertretenes Wesen. Aber das Kind —«