Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte. Sie bebte am ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie übermächtig dazu, diesen Mund mit Gewalt zu schließen, der so unerhörte Dinge in ihr Leben hineinstöhnte. Sie hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare Demütigung, die geschah, möchte ein Ende finden.
»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen weshalb, und versuchte die schwere Frau zu ihren Füßen aufzurichten, deren Haar sich gelöst hatte und deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.
»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf, »dein Stolz wird eines Tages gebrochen werden wie der meine. Du wirst bitten und knien lernen wie ich, wenn sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist. Was soll ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist noch du selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben gemacht. Das sind Torheiten, glaub mir, in denen wir leben, bevor wir zu sterben beginnen. Aber du bist ein Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt, die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß Afra geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht: »Schweig, er ist gut! Er leidet. Du weißt nicht, was das heißt. Leiden kenne ich nun! Die Finsternis ist ein einziger wütender Schmerz, und das Leben nichts als ein Abgrund von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend. »Rette mich, halte mich!«
Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes in ihrem Gesicht, das wie unter einem furchtbaren Traum zerrissen erschien. In einem Grauen, das sie beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür und riß ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glocke durch das stille Haus gellte wie eine Kinderstimme, die sich in Todesfurcht überschreit. Dann stieß sie die Tür auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die Finsternis der ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still geworden. Sie stand wie eine Bildsäule am Ausgang des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau nieder, die am Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen von sich zu geben. Ihr Angesicht ruhte auf dem willenlosen Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames, als wäre sie von rohen Fäusten niedergerissen worden ...
Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme, es war Melchior. Im Flügel des Herrn konnte man den Klang der Glocke kaum vernommen haben. Aber ehe der Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die sie bei ihrem Eintritt geschlossen hatte.
»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?! Soll ich die Läden einschlagen?«
Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut hervor.
»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da stand Melchior im Rahmen der Tür.
»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und dann krachte der Laden unter Martins Fäusten. Unter diesem Beweis einer natürlichen Kraft kehrte Afras Besinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem maßlosen Zorn, den sie nicht verstand.
»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe der gnädigen Frau, Iduna, soll kommen.«