»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe völlig am Ende ihres Halts. Oh, wäre nur jemand hier gewesen, dessen Arme stark gewesen wären, sie hätte sich mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den Zustand anderer zu erkennen, sah er, daß etwas ganz Ungewöhnliches geschehen sein mußte, denn er wußte, daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge in Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen Aufruhr ihrer Seele wie einen hellen heißen Wind. Dabei war er in aller Not seiner Zweifel gezwungen, zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glut dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr Anblick bannte ihn auch dann noch, als sie herzlos und böse fortfuhr:
»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der Gerechtigkeit, die du vorgibst, so bewahre mich, dich und deine Frau vor solchen Auftritten, wie hier eben einer stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie hinzu, da sein Schreck sie bestürzt machte.
Er starrte sie an.
»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel bin ich nicht klug geworden. Afra, sag rasch!«
Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer.
»Dort liegt deine Frau ...«
Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu, ergriff aber dann schwankend die Lehne eines Stuhls, und die Hand an der Stirn, blieb er mit einem tiefen Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte. Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte plötzlich nicht mehr danach, Einzelheiten zu wissen. Am Abend hatte Elsbeth ihm leidenschaftliche und schwermütige Andeutungen von ihrem Vorhaben gemacht, die er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war, als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau, die dicht neben ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen Vergessens versunken war.
Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine Bewegung auf die Tür zu machte, wobei er sie ansah.
»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf meinem Bett.« Ihr war plötzlich frei und leicht zumut. »Martin ist zum Arzt gefahren, ich glaube aber nicht, daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies auf ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen fern lag.
Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter, und wußte doch, daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich empfand er plötzlich, daß ein junges und starkes Herz der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und eigene Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in Wahrheit nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der Beruhigung, die die unbewußte Natur für empfindsame Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn über, das füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.