»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und da er sich nicht rührte, fügte sie hinzu:

»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.«

»Sprich doch nicht ...«

»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...«

»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich nicht schuldig. Das kannst du nicht. Das kann niemand, der nicht wahrhaft Liebe erlitten hat.«


Siebentes Kapitel

Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener, im Hause umher, verstört und von Angst und Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine Habseligkeiten zusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten, fort von den bösen Geistern, die seine Heimat zu beherrschen begannen. Ihm war zumute, als sei eine Rotte böser Hunde, die die Kraft des toten Schloßherrn einst zu friedlichen Haustieren gebändigt hatte, losgelassen, um Unrast, Verwüstung und Verfall über das wohlbestellte reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von Schmerzen verwirrt, im Hause umhertappte, merkte er, daß er viel mehr mit fortnehmen mußte, als Menschen von der Stelle schaffen können, wenn er sein Eigentum bergen wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz hing. Er wollte gar nicht an das denken, was seine bewegliche Habe darstellte, was er bergen und mitnehmen konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten, woran sein Herz hing. Es waren vielerlei Dinge in Haus und Hof und Ställen verstreut, die ihm zu eigen waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die ihm geschenkt worden waren, von denen noch kürzlich Martin eine entliehen hatte, vielerlei Gartengeräte und ein alter Hund. Allerlei unnütze kleine Dinge kamen ihm wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der Treppe stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit bebenden Händen die schweren Steinmauern ab. Die Starenkästen im Lindenbaum gehörten ihm, er hatte sie gezimmert und die kleinen schrägen Dächer geteert — — Da schlug er die Hände vor sein gealtertes Gesicht.

»Afra«, rief er, »Afra ... was tust du?! Was bist du geworden, du ungeratenes Kind, du böser Kobold, du Kleine, die ich auf den Knien gehabt habe? Du tust Sünde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche Rechte hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust —«

Er sah mit trüben Augen hinaus. Von hier oben hatte man über die Hofmauern einen weiten Blick ins Land, in der Ferne lagen die Wälder in der Sonne.