Unten ging eine Tür auf, heftig und kurz. Dann blieb es still, als lauschte jemand zu ihm empor und auf seine klagende Stimme. Er glaubte ein tiefes Seufzen zu hören, und ganz leise ging die Klinke nieder und die Tür wieder ins Schloß.

Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von allen Wänden und aus allen Winkeln. Warum war Wartalun mit seinen Türmen und Mauern nicht dahingesunken mit seinem Herrn?

»Gibt es noch Menschen in meiner Nähe, die ein Herz haben?« stöhnte er heiser und lehnte sich an die Wand. Nein, er wußte, es gab niemand, außer Afra selbst, der Macht gehabt hätte, ihm zu helfen. Es ward ihm unbewußt klar, daß er sich an niemand wenden würde, er brachte es nicht noch einmal über sich, bei jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient hatte. Auch war ihm deutlich im Gedächtnis, wie gleichgültig und hilflos ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte, wann immer er schüchtern versucht hatte, von ihm Befehle zu erhalten, die über etwas Wichtiges entschieden. Der plötzliche Gedanke an Martin ließ ihn erzittern, ja er bebte am ganzen Körper vor Wut und Beschämung und ballte die Fäuste.

Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich erinnerte; der Gedanke an das, was er in seinem kurzen Schlaf geträumt hatte, stimmte ihn milder, obgleich es trostlos düster gewesen war. Er sah Afra vor sich stehen, sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand mitten in Wartalun, sie war riesengroß, das Gut lag wie ein Teppich unter ihr. Dann hob sie den Arm und wies ihn fort, und er erkannte, daß alles, was nicht zu Wartalun gehörte, Abgrund war. —

Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen, die einen schweren Korb mit Torf und Holz trugen, die eine von ihnen lachte heimlich und verbarg das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter der blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior:

»Ach — das Leben.«

So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so war ihm doch, als habe er lange Zeit nicht mehr so tief über das Leben nachgedacht. Sehr früh war es ihm so ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah hinaus, über die Bäume des Parks hin, und es war ihm, als habe in der langen Zeit seines Lebens sich hier nichts verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon bis an den Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht immer schon die Zinnen umschlungen und seine Ranken durch die goldenen Speerspitzen des hohen Seitentores geflochten, das nie geöffnet wurde? —

Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien Martin etwas zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer kurzen Sätze, daß ein Scherz folgte. Da faßte eine wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz, daß er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe hinunter, er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch den Flur, riß Afras Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht und Ehrfurcht vergaß, die man ihn gelehrt hatte, und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.

»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ... Afra, sei barmherzig gegen mich! Ich bin ein alter Mann in diesem Hause geworden.«

Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie ohne Zeichen großer Erregung auf den Bittenden hin, der ihr seine Hände entgegenreckte und auf dessen weißem Haar die Morgensonne lag.