»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch, Melchior. Ich wollte dich schon darum bitten. Aber vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein muß.«

Sie entzog ihm ihre Hand.

»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde brauchen? Ich will nach Wendalen und werde wohl einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot ist, gelt Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen muß ich einmal in die Bücher schauen.«

Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein Gesicht liefen Tränen, und seine Lippen zuckten.

»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die Hände zusammen. Afra ordnete Papiere am Schreibtisch. Sei es nun, daß er ihren Befehl unbewußt als das empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm seiner Erregung und Freude vergaß, jedenfalls führte er ihn nicht aus, sondern lief in den Garten und suchte nach Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus verlassen hatte.


Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut aus dem Schloß, den fahrbaren Feldweg auf Wendalen zu. Sie sprachen miteinander über gleichgültige Dinge, die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr, der Arzt habe keine Besorgnisse geäußert, und es ginge besser mit der Kranken. Wohl drängte es ihn, den Versuch zu machen, Afra auf seine Art über die Vorfälle aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber er fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen Stellung willen schwer wurden. Es kam hinzu, daß er Afras Verständnis ungewöhnlich viel zutraute, und vielleicht fürchtete er sich davor, von ihr andere Meinungen darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder erhoffte. Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde für einige Tage nach Wendalen gehen, er war ihr dankbar und fand keine bessere Lösung.

In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer Morgen voll Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer Stille. Das Korn stand hoch. Aus der goldenen Fülle leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen erkannte man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden.

Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu, zwischen Weidengebüsch und Pappeln dahin, ein Bach rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und im Gezweig der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die kommende Jagd dachte, sagte: »Der Förster hat die ersten Feldhühner gebracht.«

»Ich kenne ihn noch gar nicht.«