Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte sich ab in das besonnte Land und sagte mit zitternder Stimme:
»Wie du bist —«
Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne daß noch ein Wort gefallen war. Er gab ihr die Hand und sagte einfach:
»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich immer.«
Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück und nahm »Joni« kurz herum, die auf den Heimweg gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann schlossen sie sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein, im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen Himmel dahin, saß gerade im Sattel, das Pferd ging im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich matt im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und prägte das helle Bild inbrünstig in sein Herz ein.
Achtes Kapitel
Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun ein Brief von Friedel Gentler eintraf, einem Studienfreund und Reisegefährten des jungen Grafen. Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an und begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut mit seiner bösen Lebenslage. Es bestand seit Jahren eine Art Freundschaft zwischen den beiden Männern, die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer Verwandtschaft ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete hatte als vielmehr in einer starken Neigung, die der andere zu Helmut gefaßt hatte. Der haltlose Charakter und die leichtfertige Lebensart des jungen Architekten hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und im Ernst seiner Lebensführung eine Art uneingestandener Stütze gefunden, und der junge Gutsherr erwiderte diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel beschäftigte Menschen zuweilen an Kameraden bindet, deren freimütiger Frohsinn ihnen in tatenlosen Stunden Aufmunterung oder Erholung gewährt.
Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht als erfreut. Er las die burschikosen Worte des Freundes wie Klänge aus einer versunkenen Welt, die ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber mit heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines Lebens ihn auf andere Werte und neue Hoffnungen gestellt hatte. Da ihm in den Sinn kam, mit welch argloser Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes früher stets empfunden hatte, und da er erwartete, ihr Ablenkungen zu verschaffen, vielleicht auch in einer leisen Hoffnung, dem eigenen Zustand ein wenig äußerliche Besserung zu bringen, duldete er das Herannahen dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit teilte er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung seiner Frau mit.
Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas verstörten Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten Geschehnissen anmerkte.