»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände nieder. Aber je mehr die Person Gentlers ihr wieder gegenwärtig wurde, um so eifriger trat sie plötzlich für sein Kommen ein.

»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird auch dich zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen, soviel ich will; denn Sorgen um das Gutswesen brauch' ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«

Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung war gar zu rasch in Bereitwilligkeit umgeschlagen, als daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen sein mußte. Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er. Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.

So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im Hause Vorbereitungen treffen, den Gast zu empfangen. Es gab Raum die Fülle, und Helmut ordnete an, daß zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten, für den Freund hergerichtet werden sollten. Es kam doch ein kleiner, heimlicher Stolz in ihm auf und die aufrichtige Freude, freigebig bewirten zu können.

Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie denn gar nicht zurückkehren? Er hatte erst in diesen Tagen ganz empfinden gelernt, in welche Gefangenschaft und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick auf alle Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, zumute, wie einem sein mag, der eine Landschaft im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen voll Sonnenschein in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er an Afras Seite die Räume des Schlosses durchwandert hatte.

Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand Erwägungen damit herumgegangen, daß er eine Urkunde verfaßt hatte, die Afra zur Eigentümerin des Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen war, welch weite Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten und daß allein die Viehbestände ein kleines Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die in linden Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten seit Jahren ganzen Generationen von Rinderherden ausgiebige und billige Ernährung, so daß die Unkosten der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu ihren hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die Beigebäude für das Gesinde und die Tagelöhner, die Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe versichert, deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ. Nicht aus Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß, sondern einzig deshalb, weil er sich für kurz bemühte, sich diese Summe, die er in Zahlen las, vorzustellen, gemessen an den Lebensverhältnissen, die er kannte. »Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er vor sich hin, und sein Herz zitterte vor Erhobenheit und Freude.

Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter das Schriftstück, diesen Namen, der nun so viel Gewicht bekommen hatte, wo es galt, über irdisches Gut zu verfügen. Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich so gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft, in der er Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel nur geringes Ansehen gehabt hätte, eher beinahe einen kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam hinzu, daß seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe hatte seine einsame Jünglingszeit reich gemacht. Er mußte lächeln, konnte aber nicht umhin, sich zuzugestehen, daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann, seine Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im Unwesentlichen, aber er lernte doch vielerlei verstehen, was er früher bei seinen hochmütigen Standesgenossen verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn seine großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er es neben anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, daß Wendalen nun Eigentum Afras geworden war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller Frühe aufs Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde beglaubigen zu lassen.

Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten, er begegnete in den dichtbewachsenen Niederungen seiner Frau, die er im Gespräch mit Afras Vater fand. Helmut hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen eine große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es ihm über Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu finden. Er sah heimlich zuweilen in dies derbe, gutmütige Bauerngesicht, während gemächlich über die Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen verhandelt wurde. Kam auf Afra die Rede, deren Anweisungen dem Manne einzig als gerechtfertigt und klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er sagen wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel. »Ohne Afra«, sagte er einmal und stellte die Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl nicht mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was er an ihr hatte.«

Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher Worte vor ihm und mußte an Afras Tadel denken, die ihm vorgeworfen hatte, seine Freundlichkeit gegen die Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater gehörte zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte. Aber war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz der Herablassung? Aber dann dachte er an Melchior und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der Alte, wie um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die nicht einzig dazu da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich zu machen. Er fühlte, daß er allen gleichgültig war und daß Afra von ihnen geliebt wurde. Herrschen kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen, dachte er. Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ den Alten gleichgültig und empfand, wie er ihn dadurch kränkte.

Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß jeder nächste Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden könnte. Seit jener verhängnisvollen Nacht vermied er jede Zusammenkunft, die zu einer Aussprache hätte führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu sehen, und redete sich gewaltsam in die Berechtigung seiner Härte hinein. Die Ungerechtigkeit dieser Stellung wurde ihm durch einen tiefen notwendigen Zwang seines ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille Leidensbild seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. Mochte sie für sich einstehen; litt denn er selbst weniger? Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz mit Wärme und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber mußte es zu Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit seiner neuen Liebe machte ihn hart und blind; in seiner Hingabe an diese Liebe und in ihrer ausschließenden Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß diese Wochen einer vorgerückten mütterlichen Erwartung nicht die Zeit seien, auf eine Klärung der neuen Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber doch in der vagen Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung von selbst bringen mußte.