Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums bewußt, eines heimlichen Frevels am gerechten Gang des Weltwesens, aber er tröstete sich mit jenem Glauben an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der schwachen Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe zu glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen kann.


Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen ihren großen Himmelsbogen zog. Langsam wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein in den hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, und im Hof lag noch die abwartende Kühle, die der Garten hinübersandte, nun sanken die hellgoldenen Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und alles schien in Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen herüber, die außerhalb der starken Ringmauer lagen, klangen zuweilen die Rufe von Männern oder Frauen, das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden Stimmen der Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung erwachten die melancholischen Töne, die mit der kommenden Nacht der ländlichen Einsamkeit zu entstehen scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger Gesang, der sich wie eine Klage erhob und am dunklen Herzen der Erde zur Ruhe ging, von irgendwoher die sanftmütige Heiterkeit einer Ziehharmonika, gedämpft von den Blättern der Linde und auch in ihrer fröhlichsten Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen zu entstammen schien und die sich in keine Gewißheit von Licht oder Freude zu erheben vermochte. Fern aus dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten in den Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in Wartalun, die zu späterer Stunde der Dämmerung aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug aus den Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den schwarzen Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf dem Giebel der Scheunen. Einen herrlichen Anblick bot der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst des Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel, die den Wald noch in blauen Schleiern fand, brachte das Wesen einer Herrschaft in die Welt, der keine Gewalt zu vergleichen war, und die Erde gab eine schwermütige Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren die girrenden und lockenden Wohlklänge, deren Wesen kein irdischer Name nennt, die aus dem warmen Schatten emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen — und doch hätten sie beides sein können.

Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes Lachen füllte die feierliche Stille der Schloßräume und des Parks. Er wollte anfangs alles auf einmal, reiten, fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf einen besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst ja nichts«, sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst du noch deine Frau.« Helmut ließ den Sturm von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut kannte, um nicht zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter machte ihn die innere und äußere Verfassung, in der der junge Mann sich befand und die er vergeblich zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, die quälende Verpflichtungen aus der Welt brachten, mit Aufmunterung und Trost und sogar mit Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal wieder das bösartige Leben überwältigt zu haben und verspottete seinen Wohltäter. Er hatte eine liebenswürdige und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei seinen Reden einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. Wenn er, die Hände so tief in den Taschen, daß die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust eingesunken und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und doch gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut einredete, so schien sein Übergewicht auf allen Gebieten erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu bestreiten, daß er bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine Einsichten durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal war es, bei aller Langmut des jungen Schloßherrn, zu einer kleinen Differenz gekommen, die zwar nicht von tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die Stellung des voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber, endgültig verschob. Es hatte sich um Elsbeth gehandelt, deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:

»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen, »sieh mich an, ich nehme das Leben, wie es ist, ohne viel zu grübeln.«

Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:

»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich nicht. Jedenfalls nimmst du an, was man dir zum Leben gibt.«

Friedel sah ganz bestürzt auf:

»Was willst du damit sagen?«

»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor Angelegenheiten meines Lebens fordere, wenn du es teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo du aufhörst, sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume im Land der Erkenntnis Offenbarungen sind, die die Menschheit erretten.«