»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die Leute verlassen«, hatte er einmal gesagt. »Du tust dich nicht genügend um.«

Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm aufgefallen. Er wußte nicht recht, wie sie entstanden war und was sie bedeutete. Aus dem alten Melchior, der sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand, war nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna hatte er die Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu großen Ernst geraubt, mit dem er seine Eroberungen einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder arglosen Frage einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war Friedel noch nicht vorgedrungen, daß sich alles in der Vertrauensseligkeit der erhofften Liebelei auflöste.

Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie arglose Männer des geistigen Mittelstandes sie oft vor einem geheimen Schmerz fühlen, dessen Art und Ursprung sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl. Trotz allem war er gerne gesehen, selbst Helmut suchte seine Gesellschaft, freilich nicht einzig aus Gründen einer persönlichen Sympathie.

»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut gegen die schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast du es gut, nur bleibe ich bei der Behauptung, daß du fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des Thronfolgers, das mußt du mir versprechen. Es sichert meine Existenz.«

Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten Gewohnheiten den Kaffee. Auf dem Geländer der Terrasse saß ein weißer Kater in der Sonne und säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut. Im Efeu hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu und trockenen Sommerblumen kam im lauen Windzug von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf, und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines Herzens das Bekenntnis:

»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein Schloß.«

Helmuts Lachen verdutzte ihn.

»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«

Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße her die Drei aus ihrem gemächlichen Einerlei. Jetzt klang er auf den Steinen des Hofs, und mit einem derben Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen, als gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. Helmut, der erbleicht war, ließ sich mit einem Lächeln der Erleichterung in den Korbsessel sinken, als er diese Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah flott und kräftig aus, wie er über den Gartenweg auf die Terrasse zuschritt, im wohlgepflegten Reitanzug, mit helledernen Stiefeln und dunklem Hut.

Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem jungen Gutsherrn das Herz zum Zerspringen, er rang mit ganzer Kraft um seine Gelassenheit, es wurde ihm um so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung nicht verbarg.