Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl sein Pferd, um Afra entgegenzureiten.


Neuntes Kapitel

Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem Zimmer in Wartalun. In unfaßbarem Entzücken einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in ihrem Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht hinaus. Ihre Fenster waren weit geöffnet, und draußen schien der Mond. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie ein einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in einem beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel und nahm ihre Seele mit sich empor. Afra wagte nicht, sich zu rühren, sie glaubte, daß ein wunderreicher Traum sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr war,als hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als würde ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen an die singende Nacht. Das Mondlicht ruhte und klang; in seligen Silberströmen zog es unsichtbar empor in den Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem kühlen Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes Herz zurück. Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde in einem hochschwingenden silberhellen Aufstieg von verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare emporwirbelnd, hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren Augen den Aufblick in eine Heimat ewigen Lichts eröffnen. Aber als nun der magische Gesang für eine kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer und schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus eines stolzen und wilden Schluchzens, hob das Mädchen ihre Hände empor, warf stürmisch ihr Angesicht hinein und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die Tränen ihrer ersten Hingabe. —

Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler in seinem kurzen Leben wohl niemals auf ein Menschenherz ausgeübt als in dieser Nacht, in der er an den offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.

Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl gewußt, um was es sich handeln mußte, auch dachte sie sich, daß es eine Geige war, der sie gelauscht hatte, aber sie hatte auf diesem Instrument vorher noch niemand spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem Leben niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie zu Anfang ihrer Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte und die ihm so verhängnisvoll werden sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht zurückzuführen. Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes berührte Afra wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen bei ihm suchte als sein in der Tat nicht unbedeutendes Talent für die Geige. Sehr viel anders war dagegen Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde haltlosen und vernachlässigten Menschen. Am Abend des Tages, an dem er Afra zum erstenmal gesehen und gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden Liebreiz und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden hatte, sagte er abends zu Helmut und sah ihn mit großen, starren Augen lange an:

»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«

Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers immer gewesen sein mögen, er führte doch zwei mächtige Geister in die Mauern des alten Schlosses ein, zwei Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual und Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall der Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen verwoben haben: den Geist der Musik und den Geist des Weins.


Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen, er erkannte, daß die Frauen einander mieden, er empfand das tiefe Zerwürfnis zwischen Helmut und Elsbeth. So nahm er sich in uneingestandenem Mitgefühl Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber liebevolle Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis guter Kameradschaft zwischen ihnen bestanden. Im Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst gewiß nicht seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung fehlte, aber hier war zu allem Schwanken seines Gefühls zum erstenmal etwas wie Todesfurcht hinzugekommen. Menschen einseitig entwickelter Anlagen und unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit grenzenden, sehr sicheren Instinkt für alle Mächte, die ihren Untergang beschleunigen, und meiden sie gewöhnlich dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre Hingabe anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen oder Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung rein äußerlicher Art, im Grunde hing Friedels ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit schrankenloser Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch etwas wie Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, daß er sich zu Elsbeth hielt, die ihn in ihrer melancholischen Schwerfälligkeit eigentlich langweilte. So kam es denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die grausame Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen Spaziergängen zu Elsbeth über Afra sprach.