»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir über diese Frage des Rechts. Er hat eine sehr verwickelte und eigentümlich unpraktische Idee davon, aber wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal, Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein, und das ist mein Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für die Wahrheit einen verflucht entwickelten Sinn habe. Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere belüge, wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch. Helmut ist ein Mann von großer Gerechtigkeit.«
»Das ist nicht wahr ...«
»Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät mit den praktischen Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. Die höhere Gerechtigkeit ist sozusagen mit äußeren Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben und nicht das Gesetz. Er hält es für ungerecht, jemand durch eine zufällige Verfügungsmöglichkeit Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur zustehen. Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und den großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles Lebendige herrscht oder unterliegt, entginge man doch nur vorübergehend und mit schlechtem Gewissen. Er hat diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach dessen letzten Verfügungen zur Pflicht gemacht.«
»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und wehrte mit der Hand etwas ab, das auf sie einzudringen schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll. Er zerstört uns alle aus seinem Grab heraus.«
Friedel sah ganz erschrocken auf:
»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?« Es hatte mehr im Ton ihrer Stimme gelegen als in ihren Worten, was ihn so erschreckte. Nun sah er in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch wieder auf:
»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen das Gewissen, Afra etwas vorzuenthalten, was er glaubt ihr zugestehen zu müssen.«
»Weil er in sie verliebt ist.«
»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß vielleicht in der Welt nur das wahrhaft gerecht ist, was im Geist der Liebe geschieht oder unterbleibt.«
»Und mein Kind ... sein Sohn — ach, Friedel, wie kannst du solcherlei Irrtümer gutheißen?«