Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig nichts mehr zu sagen hatten und daß sie schuldig geworden waren an dem, was sie einander als Vertrauen gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die Frau an seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis ihrer völligen Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer kleinen Weile, daß Tränen auf ihre gefalteten Hände fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein aufglühendes Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte Afras Bild empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht unter den blonden Haaren, in denen der Glanz des Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges Lächeln voll Hingabe und vergrämten Stolzes; die grünen Büsche rührten sich im Wind ... Was hatte er denn tun wollen?
»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht, weshalb er gegen seinen Willen nun gerade dies sagen mußte, »du fragtest nach Afras Rechten, sie ist doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch ihr ...«
Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, den er nie in seinem Leben hat vergessen können. Er begriff auch später nie, was ihn veranlaßt hatte, gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben, das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er wieder daran denken mußte, war ihm zumute, als sei dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch wußte er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra liebte.
Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. Am Rande des Wegs saß hinter einer schräg gestellten Strohwand ein alter Mann und klopfte Steine. Er sang zum eintönigen Takt seines Hammers einen melancholischen Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein. Er zog die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und sah ihnen nach.
Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem Arbeitszimmer nach dem Brief des Toten. Er warf Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte Packen alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken verloren suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz mechanisch und mit leblosen Blicken. Als er sich besann, empfand er zum ersten Male mit leisem Schreck die Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen Sachen herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten, aber er wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen Erscheinungen einsetzen konnte. Ihn packte plötzlich eine sinnlose Angst, und er begann hastig und beinahe verstört Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit an gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten eine an Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, es herrschte bei ihm eine Geregeltheit, die sich bis auf den Inhalt seiner Taschen erstreckte. Aber je mehr er nun begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere, die Bankdokumente und die Briefschaften, die er einzusehen hatte, zweckmäßig und praktisch zu verteilen, um so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein, daß nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit und zwingende Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich machen. Er kam sich in seiner sinnlosen Mühe wie ein Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann zu spielen versucht.
»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand damit«, sagte er tonlos und ließ die Hände sinken. Seine Augen suchten draußen die Bäume des Parks, neben ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das in diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ. Am Brunnen hörte er die Mägde lachen und Melchiors väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen Ernst.
Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am Brunnen, als die Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte Melchiors geschäftigen Schritt. Gleich darauf stand der Alte neben ihm.
Afra sollte kommen. — Melchior berichtete, sie sei in Annerwehr, am Deich müßte gebaut werden, aber sie würde bereits seit einer Stunde zurückerwartet.
Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen sei. Die Tür schloß sich aufrührerisch vorsichtig, und er war wieder allein.