Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, den er suchte, und er begann von neuem die Papiere zu durchwühlen. Überall begegnete ihm der Tote. War nicht auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist beseelt? Er konnte diesen Schatten nicht anders bannen, als indem er den Geist selbst heraufbeschwor. Die letzten Worte des Verstorbenen waren ihm ein gefährlicher Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner tatlosen Ergebenheit.

Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten unter dem bronzenen Leuchter, der eine gewundene Schlange darstellte, die sich zornig erhob und auf ihrem geneigten Hals eine zackige Krone trug, in die die Kerze eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.

»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«

Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner ersten Begegnung mit Afra ihr diese Worte und alle anderen als die vergrübelte Weisheit eines Sonderlings hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne diesen düsteren Bann, in den Wartalun zu schlagen schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn zu einem Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und an seinem Kinde zog?

Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag für Tag beschäftigte:

»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft des Lebendigen.«

Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als ein geheimes Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die Liebe des Grafen Konstantin zu Afra, die er auch in der Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg, durchglühte diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen. Beinahe flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas wie ein Haß gegen die Linie seines Hauses, der Wartalun zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen brannten Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras Name — —

Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen neben ihm stand. Sie lachte über seinen Schreck:

»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie düster ist es hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge zurückziehe? Du hast Angst vor dem Licht.«

Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in ihrer ganzen blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte sich ans Fenstersims, streichelte die bronzene Schlange erwartungsvoll mit der tanzenden Spitze ihrer Reitpeitsche und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein sinnlos betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das Heimweh des Sommers nach dem Frühling, die liebliche Fülle ihrer warmen Mädchenschaft atmete gebieterisch in einer unschuldigen Sorglosigkeit den süßen Hauch lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am Erschaffenen ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an der erstandenen Erde.