»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?«
»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde Afra unterrichten.«
Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude zu, und Friedel schloß Freundschaft mit Melchior, den er für seine festlichen Vorbereitungen brauchte.
Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des Schlosses erloschen war, hoch, wo der goldene Hahn sich gegen den Wind wandte und das alte Wappenkreuz funkelte, als der braune Mond schwermütig über die schwarzen Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen, ertönte ein lang verschollener Silberklang aus den hohen, weit geöffneten Saalfenstern in den stillen Hof nieder: das Klingen der alten Weingläser von Wartalun. In ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des Geschlechts in funkelnden Farben und reinem Gold. — O Afra, dein Mädchenlachen! Der Wein, dessen Duft aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde Herz und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der begraben liegt. Im Geist dieses Weins lohte der schwermütige Liebeszorn des Beschlossenen über das blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der in der Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du nieder in das schaukelnde Gold deines Glases? — Er gibt dich nicht frei.
Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den Geistern der Versunkenen ein himmlisches Reich, in das sie fliehen können, und den Geistern der Lebendigen eine Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer. Hinauf mit dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis unserer armen Tage zu vergessen, dein Spiel nimmt unseren Herzen den Alltag hinweg, dein Spiel macht die Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern. Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie Abendschein über ihre Schultern rinnt und die Blumen von ihren Schläfen im Wein sterben, der längst vor ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben, hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht deiner vergeudeten Jugend, daß Afra dein wird, solange die beseligte Himmelfahrt deiner Töne dir ewige Reiche eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die qualvolle Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du gehorchen wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten Schoß. Es ist im ewigen Buch verzeichnet: Dir wird auch das genommen, was du hast. —
Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen, die von den Wänden niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen, wenn die Wohltaten der Geige erglühen? Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen emportragen. Sie steigen zu einem seligen Reigen in eure Erdengemeinschaft nieder und erleuchten mit ihrer im Tode erkauften Unschuld den dämmerigen Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand der lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und mit hellem singendem Schrei schwingt er sich in die dunkle Wälder zurück, die draußen im Mond schlafen ...
Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige sinken. Er stürzte seinen Wein hinab, als suchte er nach einem neuen Weg, um seinem Herzen die Feierstunde zu bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte auf der Kante des schweren Eichtisches.
Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus ihrem Bann, und ein helles Lachen Friedels erlöste sie. In der Saalecke rang Martin fassungslos mit seinem Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra rief ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte Martin die volle Flasche. Melchior war zur Ruhe gegangen und träumte davon, die Mauern des Schlosses stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben die Frevler am Gut des Toten.
»Ist noch Wein oben?« fragte Afra.