Martin nickte schwermütig.

»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für das übrige sorgen.«

»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel.

»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.«

»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig, solange Sie diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.«

Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal, denn die Kerzen, die zwischen Rosen auf dem langen Tisch brannten, erhellten die fernen Ecken nur ungewiß, und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft streitig. In diesem magischen Dämmerschein, unter der hohen, dunklen Decke, nahmen sich die Gestalten der Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die sich um die Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien daran zu denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden. Die Allmacht des Weins fand bei Helmut und Friedel haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten hochgemut und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde und ihrer jungen Herrschaft. Sie sprach wenig, und die Wirkung des Weins war nicht bei ihr zu spüren, sie wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die wildherzigen Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die Wünsche der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen versanken. Aber allmählich wurde der Geist des Weins in ihrem Blut mächtiger, aber mit ihm auch ihr Verlangen nach fernen Zielen und großem Tun, denn das Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr Gewähr leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde? Plötzlich stand sie auf, schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden Beharrlichkeit tiefinnerster Hingabe ihr kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen, ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer trotzigen Hast zu einem verwegenen Strauß in ihrer Hand, hob mit der anderen ihr Glas und rief:

»Es lebe Graf Konstantin!«

»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf sein Glas, daß es an der Steinwand mit einem hellen Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am Boden folgte.

Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte die beiden an, als sähe er Gespenster. In der Stille, die entstand, erhob sich von außen her etwas Unfaßbares, etwas, das niemand verstand und das doch alle nahen fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes Geschrei um Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun knallte sie auf, und Iduna stürzte herein, die Hände hoch erhoben, die Haare wild um den Kopf, im flatternden Kleid:

»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das Kind ... sie dreht sich am Boden!«