Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in schnellster Fahrt die Landstraße dahin auf Wartaheim zu. Martin schonte die Pferde nicht, aber obgleich ihn fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kind er es gewesen war, der ihr wildes Herz in seine bedächtige Bauernweisheit einfing. Hier war ihm die Gespielin seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht nach Kräften zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra Wagen und Pferde noch diese Nacht für sich selbst. —

Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im Mondschein lag.

»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige, das Leben! Gleichgültig für was. O Helmut, Bruder im Verfall, deine gräfliche Scheune beherbergt das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort draußen reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So wie Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte, solange sie noch nicht der peinliche Vorfall einer näheren Bekanntschaft mit mir überrumpelte ...« Er besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze bin, so laß dir doch mein Verständnis ein Trost sein. Wer Afra nicht ... nun, du weißt ... es wäre die Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...«

Helmut raffte sich auf:

»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste sein, du gehst zu Bett.«

»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber höre, du mußt mir eine deiner blanken Jungfern mit unter die Laken geben, eine von denen, die ihre Jugend unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern. Sonst komme ich nicht über diese Nacht.«

»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal findest du noch Flaschen genug.« —

Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs glühten im späten Mondlicht. Vom Garten her wehte es feucht, er lag dunkel im Schlaf in seiner sommerlichen Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges Flüstern, überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig in den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette. Friedel hatte sich auf den Weg gemacht, und Helmut schritt langsam durch das Portal, den matterhellten Flur hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe. Er sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort oben! Ihn schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der Erde herauf, lang hin hallende Schreie. Eine Stiege höher sah er Melchior am Treppenfenster stehen. Er schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er die gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er auch, daß er mit heißgerungenen Händen, die gefaltet waren und sich beschwörend hoben und senkten, hinausstarrte in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber. Und nun verstand er die dumpfen Worte:

»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte sie!« —