Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden Abend würde sie in gewohnter Weise auf jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie gefaltet und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen Augen. Er versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah zu dem Bild über dem Schreibtisch empor, das einmal ein flüchtiger Besucher hier nach kurzem Aufenthalt zurückgelassen hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch jener habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah ihn an, etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber eigen eindringlich. Der Mund war wohlgetroffen, es schien, als habe der Künstler versucht, von diesem Mund aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es lag eine leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die oft so breit und sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten Daseinsfreude. Als habe der junge Maler in diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das reicher und ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer aufwiegelnden Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden Bluts, aber die letzte Vollendung des Ganzen fehlte. Es schien, als hätte plötzlich die Kraft versagt, die so gut begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen Hoffnung auch das künstlerische Vermögen dahingesunken.
Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung Haus und Garten einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras Schritte. Das war ja auch Martins Pfeifen, so mußte sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen Tuch, aus dem Durcheinander, das ringsumher herrschte, erhoben sich still und feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber der bronzenen Leuchter im rötlichen Licht.
Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am Strohhut, und legte ihm ein paar späte Kornblumen auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten Sessel zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie über das andere und nahm den Hut von den Haaren. Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht leicht gebräunt war, das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren Zügen einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden Widerspruch zu der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung stand.
»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände hinter den Kopf. »Ich bin den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell wurde.«
Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages, vom Korn der Felder und von durchsonnter Luft kam von ihr zu ihm und schlug seine Sinne in den Lebensbann eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht. Afras Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen, ihre Müdigkeit, die einen herben Duft von Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes Herzblut bewachen sollte.
Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen, die zur Veranstaltung des Festes getroffen werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden, daß er ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor sich gehen sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten heraus, machte Vorschläge und fragte, nur um sie bei sich festzuhalten.
Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten am Sonntag in der Frühe die Annergräben mit dem Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich daran teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal käme?
Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß er die Augen. Er sah die herbstliche Morgensonne im Schilf und die stillen Spiegel der Moortümpel. Der Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen:
»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein Herz schweigen? Ich fühle keine Freude mehr ohne deine Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr ertragen. Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe, daß ich keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine Kraft aus meiner Hoffnung schöpft, deine Augen möchten lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz möchte mich hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam, der keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr kennt. Ich habe mein Herz mit aller Gewalt schweigen geheißen, ich weiß deine Antwort, aber begreife, daß niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes abkehrt ...«
Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände.