Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken, ein wenig zur Seite geneigt, ruhte es schwer auf der dunklen Rundung.

Sie schlief.


Zwölftes Kapitel

Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach mühsamen Anweisungen teilweise in Friedels Hände gelegt, und zum erstenmal bewährte er sich über Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten in umständlichen Reden, von denen sie kein Wort verstanden, die Grundgesetze einer höheren Musik klarzulegen, und blieb dies Opfer seiner Geisteswelt auch unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine Geige ihre Tanzweisen anführte, ein ganz neues Leben und einen frohen Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut traf ihn, als er mit einer verrosteten Kneifzange im unteren Saal Versuche machte, den alten Flügel zu stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen bei dererlei Festlichkeiten preisgeben mußte.

»Dieser Apparat ist eine Katastrophe«, sagte Friedel. »Er stammt aus einem Zeitalter, in dem die Musik noch in den primitivsten Uranfängen gewesen sein muß. Hör dies! Ist das ein Ton?«

Helmut mußte es verneinen.

»Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen werde. Afra bewundert mich seit gestern mit Hingabe. Sie spielt bereits mit einem Finger, daß dir Tränen über die Backen laufen, lauter alte, bewährte Volksweisen.«

Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und Fähnchen, in der einen Ecke wurde eine Tribüne errichtet, in der anderen ein Schanktisch. Von der Linde zu den geöffneten Fenstern waren Schnüre gezogen, die die bunten Ampeln tragen sollten.

»Dieser Konstantin muß ein feiner Kerl gewesen sein, Helmut, da sind wir matte Epigonen, weiß Gott. Er hat den fremden und eigenen Arbeitern dies Fest gegeben, damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als er wollte. Dieses Gesindel weiß nicht, was es bedeutet, einen Kater zu ersäufen, sie schleppen ihn mit heim und ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und denken für Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung ist das wenigste, ich habe den Förster examiniert. Junge, ich sage dir, das ist hier ein Leben gewesen, von dem wir uns in unseren kühnsten Phantasien nicht annähernd eine Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper da drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf Jahrzehnte zurück, und der Graf hat für sein Leben Verwendung gehabt, Himmel, das glaub'! Jedes Jahr eine andere Frau! Den Winter über war er in der Hauptstadt, und wenn es Frühling wurde, schleppte er sich Jahr für Jahr eine andere unter die Syringen. Einmal — ich sage dir, der Förster kann erzählen, daß einem die Haut einreißt — bekam eine Wind von der Schar ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte sich aufs Ahnen, was die Zukunft betraf, und tunkte sich eines Nachts in den Schloßgraben. Morgens fanden sie sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberfläche zwischen den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus. Weißt du, mit Stangen ohne Haken, so daß sie immer wieder untertauchte. Der Alte war mit aktiv. Ihre Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...«