Und indem er fortfuhr auf diese Art zu sprechen, machte er alles durch sein Verständnis um vieles schlimmer als zuvor durch seinen Unverstand.

Helmut verbrachte den Tag in Sorge und tiefer innerer Erregung, die er hinter der Anteilnahme zu verbergen trachtete, die seine Umgebung von ihm forderte. Friedel erschien ihm als ein glücklicher Mensch. Wohl sah er oft mit heimlicher Rührung in das Gesicht des Lumpen, das zuweilen in eine traurige Versunkenheit fiel, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Friedel, der über alles redete, was ihn bewegte, sprach nie über seine Liebe zu Afra. Oft war es Helmut, als sei die Neigung des anderen sein erstes tiefes Lebensgefühl, seine erste Besinnung, die ihn unvorbereitet antraf und in einer Zeit, in der seine Widerstandskraft bereits aus dem Lichtbereich einer mutigen Jugend in die Nachdenklichkeit frühen Alterns gerückt war. Nur abends zuweilen, wenn sie sich beim Wein zusammenfanden, was jetzt häufig geschah, lösten die Geister der schlummernden Sonne im Wein die wehmütigen Hoffnungen Friedels. Er ließ ihn dann sprechen, obgleich er bitter unter den Worten litt, die ihn trafen, und er schämte sich eines Gefühls von Gemeinschaftlichkeit, das er nicht ganz unterdrücken konnte.

Das Fest stand ihm um so mehr bevor, als nicht zu vermeiden war, daß Spiel und Jubel und Tanz bis hinter die halbgeschlossenen Läden des Flügels klingen würden, hinter denen Elsbeth ihre langsame Genesung erlitt. Sie wollte niemand in ihrer Nähe dulden, außer der Pflegerin und der kleinen Iduna, deren frische Wangen langsam im Dämmerlicht des Krankenzimmers zu welken begannen. Helmut hatte ihre Ablehnung auch seiner Gegenwart vielleicht ein wenig allzu rasch und bereitwillig als Äußerung eines bewußten Willens genommen. Sein Schmerz und seine Hoffnung warfen ihn hin und her, und seine Vorstellungen verirrten sich mehr und mehr in grausame Erwartungen. —

Es war die Neige eines herrlichen Spätsommertags, als unter den Klängen der Dorfmusikanten die geschmückten Wagen durch die Sonne in den Schloßhof rollten. Die unteren Räume des Hauses waren ganz verändert. Als die Wagen durch den hohen Torbogen einfuhren, verstummten Gesang und Lachen, und unter den Zweigen der Linde regte es sich farbig, befangen und feierlich. Zu der gewohnten Erhobenheit der Feststimmung kam diesmal die neugierige Scheu und die heimliche Spannung, wie alles sich unter der neuen Herrschaft gestalten möchte. Helmut war erst beruhigt, als er Afra bei sich sah. Sie trat in dem Augenblick in sein Zimmer, als seine Hilflosigkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte.

»Gott sei Dank«, sagte er, »was soll denn dies alles nun werden? Was erwartet man von mir?«

Im Dämmerlicht des Zimmers sah er erst nun, wie das junge Mädchen vor ihm stand. Sie trug ein Kleid aus schwarzem Samt, das die schlanke Fülle ihrer jungen Gestalt von oben bis unten beinahe ohne eine Falte umschloß. Am Hals und an den Armen waren schmale Krausen aus weißen Spitzen angebracht, und eine schwere weichfaltige Schleppe zog sich lang am Boden hin und legte sich nun, da sie sich ihm zuwandte, einschnürend fest um die Knie und ruhte breit neben ihr. Auf dem blonden Haar, dessen helles Kupfer funkelte, hob sich klein und rund ein barettartiger Samthut, von dem eine einzige, ungeheure weiße Straußenfeder tief in ihren Nacken fiel, sie leuchtete über dem goldenen Haar wie ein hinsinkender Zweig von Blüten und ruhte blendend hell mit ihrer breiten Rundung auf dem Nachtgrund des Kleids.

»Afra!«

»Das Kleid? Das hat mir Graf Konstantin geschenkt, als ich zum erstenmal an seiner Stelle am heutigen Tag den Leuten ihre Festgeschenke gab. Willst du diese Liste durchsehen, ob es dir so recht ist?«

»Ich danke dir für alle Mühe. Natürlich, natürlich es ist so recht. Aber du? Wie soll ich deinen Anblick ertragen, ohne dich besinnungslos anzubeten? Afra!«

»Willst du dann, bitte, hier unterzeichnen? Danke. Deine Hand zittert ja, Helmut. Sieh, ich muß nun an diese Dinge denken. — Nein, dort unterschreibe nicht, das geht Wendalen an ...«