»Dies alles ist ja im Grunde nur der Leute wegen, laß dich durch so viel Ehre nicht bedrücken, Lieber. Sie denken nur an ihren Wein und sind so froh wie du, daß dies bald ein Ende hat.«

Und das erleichterte Lächeln einer flüchtigen Geborgenheit an ihrer Seite, das ihm auf die Lippen kam, fand unten bei allen, die ihn betrachteten, einen unbewußten Widerhall, als gälte seine Freude ihnen, und etwas wie ein erstes Vertrauen antwortete ihm in den einfachen Herzen. Und doch wußte er, daß Afra hierüber anders dachte, als sie ihn zu denken lehrte. Ihr war jeder der Vorgänge, die stattfanden, von heiliger Wichtigkeit, sie traute ihm nur nicht zu, daß er Anteil daran nehmen konnte. Sie verachtete ihn im Grunde.

Da trat Afra einen kleinen Schritt vor. — Die Musik brach ab, und die Gesichter wurden bewegungslos ernst.

Und ohne ihre Stimme zu erheben, einfach und klar, als spräche sie zu einem einzelnen, der ihr gehorsam lauschte, begann Afra ihre Worte. Sie sprach von der Arbeit, die zurücklag, und daß sie jedem Dank schuldig sei für seine Treue und seinen Eifer. Sie nannte den Namen des Verwalters von Wartalun und Wendalen, den des Müllers von Annerwehr und den des alten Försters, der sich tief verbeugte, als der seine fiel. Nichts in ihrem Wesen und ihrer Gebärde war herbeilassend oder erbötig, mehr zuzugestehen als diesen kühlen Dank. Helmut sah mit tiefer Bewegung in ihr junges Gesicht, er wurde seiner Ergriffenheit nur mühsam Herr und verstand sein Herz nicht, dem nach Tränen verlangte. Er sah in die jungen und gereiften und in die tiefgefurchten Angesichter unter sich, deren Wangen und Stirnen von der Sommersonne gebräunt waren, von hartem Erwerb gezeichnet oder von der Mühsal des Daseins verzehrt. Alle Augen ruhten ernst auf Afra, der alle vertrauten. Da hörte er:

»Denen, die Wartalun und Wendalen zugehören, teile ich mit, daß Wendalen nach dem Willen des verstorbenen Grafen Konstantin mein Eigentum geworden ist. Wer in meinem Dienst bleiben will, dem steht es frei, ohne daß Änderungen in der Stellung oder im Verdienst von mir vorgesehen sind.«

Es ging eine Bewegung durch die Versammelten. Helmut hörte, wie jemand hinter ihm flüsterte. Er verstand nur »Donnerwetter« und erkannte Friedel, der an der Glastür lehnte. Ihm selber war zu Sinn, als schaukelte der Boden wild, und es faßte sein Herz mit eigensinnigen, kalten Fingern. Ihm war, als müßte er vorstürmen, Afra seine Fäuste in den Rücken rennen und sie die Terrasse hinunterstürzen. Der Geist des Toten, den sie heraufbeschworen hatte, hielt ihn im Bann. Und hatte sie nicht recht? Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Die dort unten wurden für die Erfüllung ihrer Pflichten bedankt, ihm kam kein Dank zu. Plötzlich zog ihn die Kühle einer fernen Ruhe in ihr nahendes Reich empor, machte sein Herz fest und still, und als Afra geendet hatte und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihre Hand an seine Lippen und sagte:

»Vollkommene du, mein Schicksal du. Hab Dank.«

Sie sah ihn an und sagte, als seien sie allein:

»Ich habe es anders vorbringen wollen, aber ich habe es nur so gekonnt.«

Die älteren Leute der Gutsverwaltung kamen herauf, um Helmut und Afra die Hand zu drücken. Ein Kranz von Sommerblumen wurde von den Kindern zur Grabstätte des Verstorbenen gebracht und an der eisernen Pforte niedergelegt. Die Feldarbeiter brachten Helmut, nach alter Sitte, ein schmales Garbenbündel aus Weizen- und Roggenähren, mit Mohn und Kornblumen geschmückt, und sie tranken den ersten Becher Wein, von ihm gereicht, auf der Terrasse. Der Verwalter verteilte die Geldgeschenke, die für rastlose Tage und durcharbeitete Nächte den Leuten zukamen. Dann brach der Schwarm in froher Bewegung auf, um nach dem Festmahl den Tag im Schlosse bei Wein und Tanz zu beschließen. Es war manches von dem unterblieben, was sonst die Feierlichkeiten ausgemacht hatte, so das Vorüberführen der Zuchttiere, das Überreichen von Fischen und Wild, und die Darbietung des besten Geflügels durch die Frauen. Afra hatte es untersagt. Ihr schien, als würde dies weihevolle Tun durch kein Interesse der Herrschaft bedankt, und aus einem sicheren Empfinden dafür, daß mancherlei Einzelheiten für Helmut qualvoll sein mußten, hatte sie nur das Notwendigste zugelassen. Die Abendmahlzeit für die Herrschaften war im oberen Saale serviert. Afra schickte Martin zum Tanz hinunter, aber er wich nicht von ihrer Seite.