»Ich bleibe bei dir, Afra«, sagte er.
Die Luft war blau. Es wehte ein kühler, vom Schlaf der Welt befangener Wind über die Ebene, in der Weiden und Heide wuchsen und niedriges Schilf, das dünne, scharfe Halme hatte, die mit feinem Laut um die Schuhe schlugen. Ein Kiebitz rief, der Weg verlor sich in flachen Tümpeln und überwachsenen schmalen Gräben, deren Wasser schwarz und bewegungslos war, wie geschliffene Platten aus dunklem Metall.
Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestöbert? »O mein Gott, vergib mir, daß ich nicht weiß, ob es Glück oder Enttäuschung war, was ich empfand, als ich in den Büschen lebendiges Menschenwesen wahrnahm.« Dann stand ein Bursche mit trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen Gezweig und rückte an seinem farbigen Hemd, durch dessen Spalt die braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub am Boden verbarg sich ein Mädchen hinter ihrem Rock.
»Schert euch heim«, hatte Afra freundlich gesagt.
Er wußte, daß er darüber nachgedacht hatte, ob sie verstand, was hier vor sich gegangen war. »Aja« zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das Tier, dachte er, es geht seiner Pflicht nach und läßt sich nicht beirren, es ist beständig darauf bedacht, das eine zu tun, was gefordert wird, treu, verschlossen gegen alles andere. Das können die Menschen nicht.
Aber nun waren sie draußen, im Morgenblau, in den dünnen Schleiern der kühlen Luft und in feuchter Stille. Ab und zu fühlte er Afras Hand unter seinem Arm:
»Nicht dort! Gib acht!«
Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es klang vom Boden herauf ein dumpfes, beinahe leises Heulen, das etwas von der Stimme eines Menschen hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage anfüllte. Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt und den Körper angstvoll geduckt, stand er am Rand des Moors und stieß ohne Aufhör diese furchtbaren Laute aus.
Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhängnisvolle Ansagen der Tiere. Einmal hatten die Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche eines polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast hing. Er hatte sich aus Liebesgram oder Daseinssorge entleibt, und Afra entsann sich der Stimmen der Hunde, die sich nicht in die Nähe des Verschiedenen wagten und deren Klang ihr ein unvergeßliches Anzeichen der letzten, großen Verkündung geworden war. Sie hatte nun hier schon seit einiger Zeit Fußtapfen im weichen Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen, und sie wußte, daß der Hund auf der Fährte war, die sie suchten. Die Schritte führten unter ihren Augen in die schwarze Stille. Hier war ein tiefer Eindruck, dort, dicht davor, ein tieferer, und jener letzte am Rand des Moorwassers war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfußes kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit Wasser angefülltes Loch. Die Abstände der Fußtapfen voneinander ließen auf einen Gang in wankenden Sprüngen schließen, der in tiefer Finsternis ausgeführt war und ins Ziellose des Verderbens führte.
Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne, jenseits des Moors, wo niedrige Hütten mit Strohdächern standen, antwortete ein aufgeschrecktes Bellen und verstummte. Da sah Afra an einem verkümmerten Strauch, halb hinuntergerissen in das unbewegte Wasser, ein dünnes Tuch, das wie ein Schleier aussah. Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses Tuch.