Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebärde des Grauens ab, daß Afra um seine Sinne fürchtete. Seine Lippen waren fahl, und die Art, in der er seinen Mund halbgeöffnet ließ, war von einer Haltlosigkeit, die keine Beschreibung zuläßt und die wie ein Hohn auf die großen Beschwichtigungen des Todes wirkte.

Da Afra fühlte, daß ihre Füße einzusinken begannen, trat sie langsam zurück über den schwankenden Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres Land erreicht hatten.

»Ich habe nasse Füße bekommen«, sagte Helmut.

Afra sah rasch und mit groß geöffneten Augen zu ihm auf.

»Ja«, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im Tonfall, in dem man ein Kind beruhigt, »es ist Zeit, daß wir umkehren.«


Dreizehntes Kapitel

Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen, und der Herbst wütete im Land. Das Laub der Waldbäume war seinen Stürmen zum Opfer gefallen, ruhelose Wolken eilten über die verödete Landschaft, Kälte und Nässe jagten die Menschen in ihre Wohnstätten, in denen sie sich gegen den langen und rauhen Winter verschanzten.

Das Schloß schien gewachsen. Nackt und schwerfälliger als im Sommer stand es grau im schwarzen Netzwerk seiner kahlen Bäume, nur der Efeu im Hof blieb grün, in ihm überwinterten die Sperlinge. Die Wirtschaftsgebäude und Scheunen waren deutlicher aufgetaucht, sie schienen sich an den majestätischen Steinkoloß des Schlosses zu drängen, und ihre Fenster sahen zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen hinüber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbäume auf den stillen Wasserflächen, in denen sich die Mauern und der leere graue Himmel spiegelten.

Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden worden. Helmut hatte damals in Tagen eines furchtbaren Schwankens bald alle Kräfte suchen lassen, dann wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens ließ er die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und erteilte den Befehl, es dürfte nicht mehr geforscht werden. So verging eine Woche. Er ließ den Bezirk des Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren, aber ihn selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft erwachte er in der Nacht, durchirrte das dunkle Schloß, bis er hinausgefunden hatte, und schlich stundenlang, bedächtig auf den Fußspitzen auftretend, an den Moorgräben dahin. Es kam vor, daß er mit einem Stock vorsichtig den Schlammgrund durchprüfte und daß er erstarrend und die Stirn voll kalten Schweißes zurückwankte, wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu spüren vermeinte. Als drei Wochen vergangen waren, verlangte er eines Mittags plötzlich, es sollte noch einmal nach der Toten gesucht werden. Afra erhob Widerspruch, mußte die Leute aber endlich gehen lassen, da der junge Gutsherr in einen Zustand erregten Trübsinns verfiel, der durch nichts zu beschwichtigen war. Sie sandte Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber, nach der Leiche Ausschau zu halten.