»Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig auftreten, damit keine Blasen aufsteigen«, erklärte Helmut Afra. »Wenn sie mit ihren Stangen wühlen, trüben sie den Grund, und es ist nichts mehr erkenntlich. Auch könnten sie mit ihrer groben Hantierung Elsbeths Hände oder ihr Gesicht verletzen.«
Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und blaß geworden war, von ihm ab. Sie hatte alle Mittel, die ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen, durchprüft, um ihm zu helfen. Erst als sie spürte, daß er ihren Trostworten mit einer beinahe wollüstigen Hingabe lauschte und daß er dabei lächeln und nur ihren Mund betrachten konnte, während sie sprach, mied sie mit Furcht und Abscheu jedes Wort über sein Mißgeschick.
Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles Verhalten in jener bösen Nacht ihm selbst und allen anderen unvergeßlich eingeprägt war. Aber man fühlte, daß er sich tief und ehrlich schämte, und sein Bemühen, alles gutzumachen, hatte etwas Rührendes und versöhnte. Er nahm sich Helmuts mit einer Geduld an, die ihm niemand zugetraut hatte, und wo die Haltlosigkeit des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei Friedel ein Zartgefühl ein, das immer wieder an sein im Grunde gutes Herz glauben ließ. Es ist zweifellos seiner Fürsorge und seinem Verständnis zu danken gewesen, daß Helmut sich langsam aus der Verfinsterung rettete, die über seinen Geist hereinzubrechen drohte. Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit und Bewunderung, und als sie einmal durch einen Zufall ungesehen die Zeugin eines Vorgangs wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel:
»Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch gut, Friedel.«
Das war gewiß wenig, und der Tonfall dieser Worte deutete auf kaum mehr als auf einen höflichen Scherz hin, aber Friedel beglückten sie bis in den Grund seines Herzens hinein. Ihn hätte nichts freudiger stimmen können als die Zuversicht, von Afra nicht für unnütz gehalten zu werden. Er nahm am Abend dieses Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor, stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und antwortete dem Mädchen, als die herbstliche Nacht über die einsame Heimstätte ihres weltverlorenen Daseins niedersank.
Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter keinen Vorurteilen der Weltbetrachtung und Beurteilung anderer entwickelte, ließ in seltsam sicherem Kraftbewußtsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete die Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu richten. Sie wußte mit einer Zuversicht die nicht zu überreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber sie wertete neben ihren Ansprüchen das Zurückgewiesene deshalb nicht geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen Geisteskraft des Grafen Konstantin sein, in der ihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge ihrer frühen Vereinsamung und zugleich der ungewöhnlichen Forderungen, die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre Natur gestellt hatten. Es war, als erschlösse das Erleiden der Menschen, die in ihre Nähe gedrängt worden waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen Herzen, das oft in seinen Hoffnungen auf das eigene Geschick und in seiner Kraft, sich darin zu bewähren, so hart erscheinen konnte.
Zu Anfang November ereigneten sich Tage von großer Klarheit und Schönheit, die im Hauch ihrer noch einmal spärlich von der Sonne durchwärmten Luft und in ihren Gerüchen etwas vom Frühling mit sich brachten. Die Stürme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter zögerte noch mit seinem Einzug.
Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam gewordenen Forst, über die Kuckucksburg von Wendalen heim nach Wartalun. Nathanael war aus Cismaren für einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten größeren Abschlüsse über Jungvieh, über Korn und Rüben waren unterzeichnet und verrechnet worden. Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren geschäftlichen Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich dabei beobachtet, daß sie hier und da nachgiebiger gewesen war als sonst und als es den Traditionen des Guts entsprach. Aber im ernüchternden Wechsel von Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine Müdigkeit überkommen und ein ihr ganz neues Gefühl von Gleichgültigkeit gegen Erwerb oder Besitz. Sie dachte auf dem Heimweg darüber nach, worin diese Tatsache, die sie quälte, ihren Ursprung haben mochte. Lag es vielleicht daran, daß niemand Rechenschaft von ihr forderte? Sie verwarf diese Erwägung, denn es handelte sich ja nun nicht mehr allein um fremdes Eigentum. Vielleicht hatte sie über Helmuts großer Gabe, die sicherlich eher raschherzig als großmütig gewesen war, erfahren, wie leicht es für sie war, zu Besitz zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr ihr eifriges Feilschen mit dem jüdischen Kaufmann als kleinlich erscheinen lassen.
Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die wahren Gründe liegen? Sie sah zur Rechten durch die kahlen Birken ins Moor, dessen in eigentümlichem Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlöschen begannen und das weit und öde dalag. Die Heidehügel darin sahen wie unruhige Wogen eines erstarrten Meeres aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre spärlichen Äste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem erstorbenen Leben dieser feuchten Fläche seinen letzten Schlaf schlief, war allem Mein und Dein, allem Reich und Arm in ein großes Einerlei der Ruhe entrückt.
Ihre Gedanken verloren sich im rötlichen Sonnenlicht des raschen Abends, durch den sie im Beginn ihres Menschenbewußtseins dahinritt. Sie ließ sich von ihren Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurückführten, in der noch Graf Konstantin über Wohl und Wehe von Wartalun gewacht hatte. Beim Gedanken daran, wie er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr ein Lächeln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum spürbaren Zug von Erleiden bekommen hatte. Ihr war, als habe er stets die eine Hand für eine Liebkosung bereit gehabt und die andere für die Peitsche. Nathanael hatte oft dreimal das Schloß verlassen, ehe seinem hochgemuten Peiniger das kleinste Zugeständnis zu entlocken war. Er kletterte zornig auf seinen kleinen zweirädrigen Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von dannen. Dann hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf die Haare gelegt oder den Arm um die Schultern und ihr lächelnd gezeigt: