»Siehst du dort die Pappel bei der Kätnerhütte? Dort kehrt er um.«
So war es in der Regel gekommen. Einmal nämlich hatte sich der Händler erst am anderen Tage wieder eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen Weizen gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr für ihn zu sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklären müssen, das Korn verfaulte nicht in den Scheunen von Wartalun ... Seit jener Zeit fuhr er bei Uneinigkeiten wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe Wegpappel mit ihrem Krähennest.
Eine heimliche Erregung machte das junge Mädchen ungeduldig. Sie sprang vom Pferd. Der Wald lag hinter ihr, Wartalun stand rötlich von der Abendsonne bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung hinein, in dem Graf Konstantin herrschte, der Gedanke verfolgte, daß Wendalen nun ihr Eigentum war, so sann sie in heimlicher Qual darüber nach, daß es sein Besitz gewesen war. Wie hätte sie ihm für ein einziges Lächeln der Zustimmung gedankt, es hätte sie befreit und froh gemacht. Der triumphierende Leichtsinn ihrer Selbstsucht war oft für lange erloschen. Sie empfand für Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als deutliche Wahrheit. Hinter der harten gläsernen Wand, durch die kein Geschrei, kein Winken und kein Pochen drang, irrte ihr Heimweh nach dem verblichenen Herrn. Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und zerstörender Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wußte sie, wem sie gehörte.
Da sie in den zurückliegenden Wochen oft an langen Abenden auf Friedels romantisches Geschwätz gelauscht hatte, begann sie in einsamen Stunden oft über die Art nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn wenn Friedels törichtes Herz sich auch gedankenlos verirren konnte, so hatten seine Aussprüche doch oft etwas von jener melancholischen Hellsichtigkeit, die schwache Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in große Schicksale verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden Tod in die großen Augen schauen müssen.
»Er läßt niemand in deine Nähe, Afra«, hatte er einmal gesagt, als vom Grafen Konstantin die Rede war, »verstehst du seine Warnungen? Ich für meinen Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont bleiben, bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich sagen werde.«
»Daß ich dich für alle Ewigkeit lieben muß.«
Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er dann schwieg, das hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges gehabt, daß es einen Schein von Wahrheit auf seine Worte übertrug.
Wie hätte sie lachen mögen, aber das Lachen war schwer geworden in Wartalun. Trotzdem hatte sie es getan, aber Friedel war nicht aus seiner nachdenklichen Versunkenheit zu reißen.
»Das Lachen trifft ja nicht mich«, sagte er leise. »Lachst du über Helmut oder über ...«