So hatte er durch eine phantastische Vermengung seiner Grübeleien mit der Finsternis der zurückliegenden Geschehnisse oft eine eigenartige Wirkung erreicht, die das Mädchen peinigte, weil sie ihm um Graf Konstantins willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft über die unbeständigen Grenzen unseres Erkennens in die bevölkerten Abgründe des Unerkennbaren.
»Was denkst du beglücktes Alltagswesen aus Daseinskraft und Frühlingswohlstand dir eigentlich?« fuhr Friedel fort. »Meinst du, es sei nur so viel wahr, als sich erkennen läßt? Wer dem Wesen der Dinge nachforscht, wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt. Nicht wahr, was an Großem und Bedeutsamem geschieht, das denkt man sich für gewöhnlich dort und dort, hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne oder in Büchern. Man muß den Menschen mit Fingern die Augen aufreißen, bevor sie glauben lernen, daß sie selbst es sind, die zum Himmel fahren oder die der Teufel holt. Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's erst nachher auf, daß sie selber Helden des Welttreibens begegnet sind. Und es ist gut. Die größten Schicksale wüten unter Blinden ...«
Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war wohl richtig, daß man Lebendiges an seiner Wirkung erkannte und daß die Liebe im Tod kein Hindernis für ihren Segen oder für ihren Fluch findet. Das Mädchen blieb stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah in die klugen Augen des Tiers, das sie anschaute, und versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu werden.
Sie fühlte sich den neuen Menschen von Wartalun auf eine Art verbunden, die nicht im natürlichen Verhältnis zu ihren Ansprüchen und ihrer Wesensart stand, aber das vereinsamte Schloß wies seine Bewohner aufeinander an und verknüpfte sie enger, als dies unter gewöhnlichen Umständen der Fall gewesen wäre. Die gemeinsamen schweren Erlebnisse führten eine Art herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang der gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen zusammen. So war auch zwischen Friedel und ihr eine Art Freundschaft entstanden, die zuweilen beinahe in Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit zuweilen der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer ganz neuen Welt von Menschen und Eindrücken leben zu lernen.
Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unter den alten Buchen, die zum Walde hinüberführten, ihre Füße im dürren Laub raschelten, schlug sie Joni die Zügel um den Hals und ließ das Pferd seines Weges ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein, zwischen den gelichteten Büschen hin über die feuchten Wege auf die Tannen zu, unter denen die Grabstätte des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen Spitzen der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der Kapelle wie eine grüne, zackige Krone, sie erblickte tiefer, hinter den ruhigen geschwungenen Ästen der letzten Bäume schon das eiserne Gitterwerk des Tors, als sie erschrocken innehielt und mit großen Augen durch das gelichtete untere Gezweig starrte.
Sie sah gegen die schwarzen Stäbe des Eingangs die Gestalt eines Mannes lehnen. Er hielt seine eine Hand am schweren Schloß der geschmiedeten Pforte, als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und etwas scheu, als besänne er sich, sah er in den Garten hinein. Es war, als zögerte er, den Weg zu betreten, der von diesem Ort der Ruhe zurück unter die Menschen führte. Im Verwirrenden ihres großen Erstaunens und in der rötlichen Dämmerung, die im Tannenschatten herrschte, hatte Afra für einen Augenblick das beklemmende Empfinden, als schauten die Augen des Verstorbenen unter dieser Stirn hervor, die nur schmal unter der breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts kenntlich war. Es war dies sicherlich die Folge ihrer phantastischen Gedanken, die an diesem Nachmittag ungewöhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten; aber trotzdem begann ihr Herz eine stürmische Arbeit, die ihr fast den Atem raubte, und sie hielt sich an einem Stämmchen fest, das neben ihr am Rand des Rasens wuchs. Es war so still im Garten, daß sie jenseits der Hecke Jonis trägen Schritt im Laubwerk vernahm und das tickende Niedersinken eines Ahornblatts im Geäst. Es ergriff sie eine unverständliche Angst, der Fremde möchte ihr sein Gesicht voll zuwenden und ihr so Gewißheit geben, daß auch seine Züge, sein Mund und seine Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr nicht, sich von diesem Grauen zu befreien. Ihre Gedanken jagten bunt und sinnlos durcheinander, sie kannte sich nicht wieder, ward plötzlich so zornig, daß sie zitterte, und wünschte im nächsten Augenblick, Aja und Fenn möchten zur Stelle sein. Der Gedanke daran beruhigte sie plötzlich, als stärkte sie die Zuversicht, daß die Treue und Kraft der Tiere durch keine Gedanken oder übersinnliche Erscheinungen zu beeinträchtigen waren. Aber sie blieb stehen und betrachtete den Eindringling.
Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose Hut, der zweifellos nicht mehr sehr ansehnliche dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel, denen man lange, ermüdende Märsche bei schlechter Witterung anzumerken glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er einen schwachen Bart trug oder ob die Schatten um seinen Mund und um sein Kinn natürliche Furchen seines Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder Entbehrung aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aber diese Beobachtung beruhigte sie nicht, dieser Zug seines Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da er nichts von Schwäche oder Müdigkeit verriet, sondern vielmehr die Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer Trauer, die nicht von äußerem Unheil oder Mißgeschick herzurühren schien.
Je länger sie in einer ihr völlig fremden Anspannung zu diesem Manne hinübersah, um so mehr verflog die anfängliche Furcht, die sie so fremdartig überfallen hatte, und sie wurde sich deutlich eines Vertrauens zur Erscheinung dieses Menschen bewußt, der nicht schön und nicht häßlich war, nicht gefällig und nicht ungefällig, von dem aber wie ein heimlicher Schein eine stete und ruhige Menschenwürde ausging.
Diese Eindrücke klärten sich im Sinn des jungen Mädchens nun keinesfalls rasch, aber Empfindungen eines starken Gemüts bedürfen der Klärung nicht immer, um doch vollgültig vorhanden zu sein und um ihre Wirkung und ihre Folgen zu zeitigen. Afra strich sich langsam über die Stirn, plötzlich war ihr, als sei sie tief ermüdet, und sie flüsterte die merkwürdigen Worte:
»Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der dort steht.«