»Und mir? — Wem hast Du's zuerst versprochen, mir oder ihr?«

»Aber Kindchen, das mußt Du doch einsehen ... daß das für mich — wie soll ich sagen — daß das für mich eine große Sache ist ... schließlich ist sie doch ... die Buchner.«

»Ach so — und ich, ich bin nur die Thöny, die kleine Thöny, und sie die große Jucunda! Hansel, das wird Dir noch mal leid tun!«

Laut aufweinend stürzte sie hinaus ... die Schleppe ihres Pelzjacketts fegte die Pralineetüte vom Tisch, und alles kollerte in die Stube. Hans Thumser mußte aufsammeln. Dabei glühten seine Backen vor Scham. Es war wirklich hundsgemein von ihm, das herzliebe Mädel so ruppig zu versetzen — er fühlte, er hatte sie bis ins Tiefste gekränkt. Mit hundert Gewalten zog's ihn hinüber, die Tränen von den schönen Augen wegzuküssen, die ihm so manche Stunde durchsonnt hatten ... und dann fiel sein Blick auf Jucundas Bild, auf das bronzene Heroinenprofil, das unterm Helm der Jungfrau so sieghaft leuchtete. — Und er wußte, daß zehn Astas diese Stunde nicht aufwiegen würden, die ihm bevorstand.

Er lauschte — wieder wie in jener ersten Nacht klang da drüben jenseits der Doppeltür und der beiden Kleiderschränke, die sie verbarrikadierten, das herzerschütternde Weinen ... aber diesmal nicht verhalten wie damals — nein — in wilder leidenschaftlicher Empörung. — Und diese, diese Tränen hatte er auf dem Gewissen ...

Und das war so niederträchtig, so infam: daß man im tiefsten Grunde seiner Seele sogar noch etwas wie eine Genugtuung empfand über diese Tränen, die man selbst verschuldet hatte. War es nicht eigentlich ein verdammt stolzes Gefühl, daß man ein Kerl war, um den so heiße Mädchentränen fließen konnten?

Hans Thumser warf einen Blick in den Spiegel: also so sieht so ein verfluchter Gesell aus, um den ein Mädchen wie Asta Thöny — Tausende würden ihn beneiden um so einen süßen Kameraden! — um den so ein himmelsüßes Geschöpf sich quält?

Und mit einem verwegenen Ruck stülpte er die grüne Franken-Mütze auf den braunen Schädel und ging zu Jucunda Buchner.

War's nicht eigentlich toll? Hans Thumser war in einer ganz niederträchtig vergnügten Stimmung, als er durch das wirbelnde Flockengestiebe den Peterssteinweg, die Petersstraße hinanschlenderte. Jedem Mädel guckte er verwegen, wie er's nie getan, unters Pelzbarett: Ja, wenn ihr wüßtet, ihr Leipziger Gänschen —! Eben hab' ich die Asta Thöny geküßt ... die von den Meiningern, ihr wißt doch! Und nun — nun gehe ich zur Buchner ... und wer weiß — wer weiß! So ein Kerl bin ich, verflucht nich noch mal!

Als er den schneebepuderten Marktplatz überquerte und in die Katharinenstraße einbog, fiel ihm plötzlich ein, daß er ja nun endlich den Weg zu Valentin Pilgrams Wohnung gefunden habe. Der arme Junge! Ob der wohl auch schon mal von Jucunda Buchner zum Tee geladen worden war? Wohl schwerlich — und doch, was alles hatte der an dies Mädchen gesetzt ... und er —? Er hatte nichts getan, und alles fiel ihm in den Schoß. Teufel auch — man war eben ein Poet, ein Götterliebling —! nischt wie verdammte Pflicht und Schuldigkeit vom Schicksal!