Ob er den armen Burschen wohl mal aufsuchte? Eigentlich hätte sich's gehört ... daß er gekränkt war, lag ja auf der Hand nach seinem Benehmen von heut morgen ... aber freilich ... erst zu Pilgram gehen und dann sich von ihm verabschieden mit der Erklärung, man sei zu Jucunda Buchner zum Tee geladen — das war doch wahrhaftig mehr eine Kränkung, wie die Dinge nun einmal lagen, als die Erfüllung der längst geschuldeten Freundschaftspflicht. Also lassen wir's doch lieber ...
Glücklicherweise, im letzten Augenblick, fiel's ihm ein, daß er ja noch ohne Blumen war. Er fand eine Gärtnerei, wählte die herrlichsten Rosen, die es gab, und erschrak nicht im mindesten, als die Verkäuferin ihm fünf Mark abverlangte. Denn diesmal war's ja in der ersten Hälfte des Monats und nicht Ultimo, wie damals, als er mit dem gepumpten Markstück ein Dahliensträußchen für Asta erstand ... Und so bewaffnet bis an die Zähne kletterte er die wohlbekannten Stufen im dunklen Treppenhause empor und zog die gellende Klingel an der Korridortür des Kanzleirats Buchner.
Eine stattliche Frau öffnete ihm. Er erkannte in ihr sofort Jucundas Begleiterin von jenem ersten Triumphzuge wieder. Alle Wetter ja, seine Idee von damals hatte Schule gemacht ... das blitzte ihm so durch den Kopf, als er seiner Führerin durch den dunklen Korridor folgte, bis sie haltmachte und anklopfte.
»Bist Du es, Mutter?« tönte von drinnen die wohlbekannte Stimme ... die Stimme, die durch sein Wachen und seine Träume klang. So hatte sein junges Herz noch niemals an die Rippen gehämmert ... auch nicht bei Beginn des Abiturienten-Examens ... auch nicht vor der ersten Mensur.
»Hier ist der Herr, wo Du zum Tee hast eingeladen!«
»Herein — nur herein!«
Die Tür sprang auf, und als dunkle Silhouette gegen die schimmernd weißen Vorhänge abgehoben, stand Jucunda. Mit ausgestreckten Händen kam sie ihm entgegen:
»Wie freue ich mich! — Die Poesie bei mir zu Gast ... das ist das erstemal. Laß uns allein, Mutter.«
Hans warf einen Blick in der Stube umher. Tausend ja, hier sah's anders aus als damals bei Asta. Jucunda, das sah er sofort, hatte nicht vergessen, daß sie sein Kommen gewünscht — alles war sorgfältig für seinen Empfang vorbereitet, der Tisch zierlich gedeckt und mit Rosen bestreut, die Teemaschine dampfte, Zigaretten, Zigarren standen bereit, eine gehäufte Schüssel Gebäcks. Und ringsum herrschte Ordnung, Sauberkeit, noch mehr: Schönheit ... oder doch wenigstens die deutliche Absicht sie hervorzuzaubern ... überall Blumenarrangements und Körbe lebender Pflanzen, an den Wänden die welkenden Lorbeerkränze mit riesigen langflutenden goldbedruckten, goldbefransten Atlasschleifen. Uebers Bett aber war ein hermelinbesetzter Mantel von Purpursamt königlich hingebreitet, und ein frischer Strauß tiefdunkelroter Rosen lag oben drauf. Alles war abgetönt mit einem naiven Sinn für Eleganz und Repräsentation.
Hans Thumser sah nicht, daß die Möbel abgeschabt, die Bezüge verschlissen waren, fühlte nicht, daß der Stuhl wackelte, auf den er sich setzte, der Tisch, auf dem das Teegeschirr brannte ... auch nicht, daß die Tassen gesprungen waren, und hier und da gar ein Henkel fehlte ... ihm war zumut, als sei er in einem Königsschloß, in einem Märchenpalast. Und wie eine Königin erschien ihm auch Jucunda. Sie trug ein lang hinschleppendes Spitzenkleid, das ihm vorkam wie eine märchenhafte Kostbarkeit — er konnte ja nicht beurteilen, daß es maschinengewebte Spitzen waren, nur bestimmt auf die Entfernung zu wirken — er war im Bann, im Traum. Und nur die eine Empfindung durchdrang ihn mit wohligen Schauern: hier war er erwartet, hier hatte man Staat für ihn gemacht, hier wollte man ihn ehren, ihn entzücken.