12.

Vor ihrem Bett war Asta Thöny in die Knie gesunken und hatte geweint, wie nie zuvor in ihrem Leben — und doch, wieviel Tränen waren schon über ihre vergangenen Tage geflossen ... Wie teuer hatte sie die flüchtigen Augenblicke des Glücks erkaufen müssen, zwischen denen nichts gewesen war als Kampf — Kampf mit zusammengebissenen Zähnen — Hunger und Verzicht — Abschied und Sehnsucht ... Und nun war's wieder einmal tief, tief dunkel geworden um sie her ...

Sie sprang in die Höhe. Die eingeschlossene Luft in dem engen Stübchen preßte ihr die Brust zusammen — sie riß das Fenster auf: da draußen auf der Sophienstraße noch immer das Flockentreiben und all die Fenstersimse der schwarzen Häuserzeilen schon weiß überlagert, die Straßen drunten wie versunken unter der weißen Last — die aufgespannten Regenschirme bestäubt, die Hutkrempen, die Mäntel schneebepudert. Da hinein, in dies wehmütig tolle Treiben hatte sie mit dem Liebsten schwärmen wollen — da hinein zog's sie nun, die glühenden Augen zu kühlen, die schneidende Luft in tiefen Atemzügen in die schmerzende Brust zu saugen.

Einen kurzen Blick warf sie in den Spiegel und sah ihre Lider, ihr ganzes Gesicht fieberisch gerötet. Sie suchte den dichtesten Schleier, den sie hatte, und knüpfte ihn fest ums Gesicht. Dabei fiel ihr Auge auf die schönen neuen pelzgefütterten Glacéhandschuhe. Sie waren ganz verdorben vom Strom ihrer Tränen ... ach, wie gleichgültig das war.

Nun war sie drunten auf der Straße — wie dunkel es schon war um diese frühe Nachmittagsstunde — wie sie emporblickte, lag's über den Dächern wie eine graue Decke, aus der es unablässig niederrieselte. Im Nu trug auch sie die Livree des Winters.

Den wirbelnden Flockenschauern entgegen stapfte sie gen Westen, kreuzte die Zeitzer Straße und überschritt auf schmalem Brückchen den Mühlgraben ... In den Wald hinaus, nur fort von den Menschen, fort aus der Stadt — in die Einsamkeit, dahin, wo sie hatte einsam sein wollen mit ihm. Nun dehnte sich zur Rechten die endlose Schneefläche der Rennbahn, und vor ihr stand der Wald, ein schwarzer Saum, weiß überzackt. Unter der Schleußiger Brücke gurgelten gelb und angeschwollen die trägen Pleißefluten — ohn' Unterlaß sanken die leuchtenden Flocken in die schmutzigen Gewässer und wurden eingeschluckt — wie der Schwall des Lebens Wesen um Wesen verschluckt. Den schmalen Pfad schlug sie ein, der hart am Ufer drüben aufwärts führte zu den graulich aufragenden Eichenschäften, dem Gewirr des Ufergestrüpps, dran jedes Zweiglein schon seine feuchte weiße Last trug ... Und wirr durcheinander, wie die stäubenden Flocken, jagten ihre Gedanken. Gott, wie grenzenlos allein sie doch war auf der Welt: Tochter eines kleinen Gerichtsbeamten in München, war sie von der strengen katholischen Rechtgläubigkeit und engen Spießbürgersittsamkeit ihrer Eltern um jener ersten Liebschaft willen, die sie einem schmucken Leutnant von den Chevauxlegers in die Arme geweht hatte, aus Haus und Heimat verstoßen worden. Das Gräflein hatte brav an ihr gehandelt. Ihre berufliche Ausbildung, ihren ersten Schatz an Kostümen verdankte sie seiner Freigebigkeit. Und dennoch hatten am Ende der Abschied, die Tränen, die Verlassenheit gestanden ...

Und nun: die kleinen Engagements in Nürnberg, in Regensburg, in Augsburg. Immer umringt von einer Verehrerrotte, die nichts von ihr wollte als immer das gleiche — das eine — für die sie niemals eine Seele, ein Mensch, eine Künstlerin gewesen war, sondern immer nur eine hübsche Schale, ein Spielzeug, ein Zeitvertreib, eine Sklavin ... Und endlich das große Glück: ein einziges Mal ein Mensch, der sie ernsthaft nahm, Franz Burg, der Meininger Oberregisseur, der sie entdeckte ganz hinten im Ensemble eines Mittelstadtbühnchens. Und nun: Engagement, kleine Rollen, mittlere Rollen, Erfolg — Karriere. Karriere? Ach, du lieber Gott! Bis zu den Sternen war man nicht gekommen — immerhin, man war geborgen, man konnte sich ausruhen, konnte arbeiten — stand inmitten eines großen, künstlerischen Treibens, brauchte sich nicht mehr wegzuwerfen, zu verkaufen.

Aber ach, verdorben war man nun doch einmal, konnte nicht mehr leben ohne Küsse, ohne Rosen, ohne Liebesbriefe, ohne Zärtlichkeiten ... Und so flog man doch auch jetzt immer noch aus einem Arm in den andern, blieb ein Spielzeug — blieb der rasch vergessene Kamerad flüchtiger Taumelstunden ...

Da war der eine gekommen, dies grasgrüne Studentlein, das so ganz, ganz anders war als alle die frühern ... Was war's eigentlich gewesen, was ihn von ihnen unterschied? Er hatte sie genommen, sie hatte sich ihm gegeben, genau wie's immer gewesen war — nur eines war anders gewesen — ach, sie wußte es wohl, der Klang seiner Rede war's, die schäumende Flut von klingenden, schwingenden Worten, in denen seine Zärtlichkeit, sein Rausch sich ausströmte über sie hin — ach nein — auch noch ein andres. All die andern, die sie gekannt hatte, waren erfahrene, abgebrühte, blasierte Burschen gewesen — diesem einen, sie wußte es, hatte sie das erste Glück des Lebens gebracht. Sie hatte träumen dürfen, ihm etwas zu sein, etwas, das nicht verfliegen könnte mit dem Rausch der flüchtigen Erfüllungsstunden ... Und nun, nun war auch das ein Trug, ein Wahn gewesen ...

Tief gesenkten Hauptes schritt das einsame Mädchen fürbaß. Und wie ein fernes Brausen klang weit, weit hinten das Treiben der großen Stadt, gedämpft durch die rastlos niedersinkenden Flockenmassen. Und in der Nähe schien jeder Schall des Lebens erstorben — nur der eigne Schritt knirschte leise im lockren Teppich, der die Welt überzog. Und zur Linken glucksten die gelben Wasser. Unter der nassen Last lösten sich die letzten gelben Blätter von den Wipfeln und sanken schwer und matt wie dunkle Schattengebilde inmitten des weißen Geriesels nieder, lagen ein paar Sekunden als schwarze Flecken auf dem leuchtenden Grund und wurden dann schnell verschüttet und begraben ... Und Asta sann in die Zukunft — was hatte sie noch zu hoffen? Zu den höchsten Höhen der Kunst, dorthin, wo die strahlende Rivalin stand, ach, dorthin würde sie sich niemals emporschwingen. Nur die Niederungen waren ihr bestimmt, die wenigen Jahre, bis Jugend und Anmut verweht sein würden — und was dann? — Und was inzwischen? — Immer nur Neid und Enttäuschungen ... Ab und an, wenn einmal eine neue Rolle neue Hoffnung brachte, ein verzweifeltes Emporraffen, ein neues zähneknirschendes Einsetzen der ganzen Kraft — dem, ach, doch immer wieder das Versagen, das Ermatten, die Erkenntnis der Begrenztheit des eigenen Wesens und Könnens folgen müßten, wie noch stets bisher.