Und wo war dann Trost als in neuen Umarmungen, in neuen Tändeleien, ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne Sinn?

Nein, wenn sie nicht einmal diesen einen dauernd hatte fesseln können, wenn selbst dieser eine, in dessen Leben sie am Anfang der Liebe gestanden, wenn sie nicht einmal ihn länger hatte binden können denn auf ein paar Wochen, dann war sie doch wohl gar nichts wert. Nicht einmal als Liebchen, nicht einmal als Weibchen! Und das nun immer und immer wieder erleben müssen, hatte das einen Zweck? — Ließ sich das ertragen?

Und doch, etwas in ihr bäumte sich auf gegen diese Verneinung ihres ganzen Daseins. War sie denn wirklich so ein Nichts, so ein Püppchen ohne Existenzberechtigung, ohne Lebenswert? Ach nein ... nur den falschen Weg war sie gegangen — nein — nicht gegangen: gestoßen war sie worden von dem aberwitzigen Schicksal. Damals, als sie sich von dem blinkenden Rock, der gleißenden Grafenkrone ihres ersten Galans hatte blenden lassen, als sie ihren einzigen Besitz, ihr Mädchentum, einem eitlen, egoistischen Jungen hingeworfen hatte, ohne zu denken, ohne zu fragen wohin, wozu — damals war sie aus dem Gleise geworfen worden ... Irgendwo in der Welt lebte doch gewiß ein braver, schlichter Mensch ihres eigenen Standes, des Standes, in dem alle ihre Instinkte wurzelten, dem hätte sie in Bescheidenheit und Treue Gesellin und Helferin werden müssen. Das wäre dann ein Leben gewesen, für das ihre Kräfte gereicht hätten, in das sie Sonne, Glücksgenügen hätte zaubern können für ein ganzes Erdendasein. — Nun hieß sie eine Künstlerin, ohne ein Künstlermensch zu sein ... Nun sollte sie gestalten, ohne in sich die Fülle der Gesichte zu tragen ... Sollte die Schöpfungen von Dichtern verkörpern, ohne selbst ein Stück Dichterin zu sein ...

Die Dämmerung kam. Immer schauriger ängstete die Stille um sie her, und lichtlos wie die nebelverhangene Waldeinsamkeit ringsum lagen Zukunft und Leben. Eine grenzenlose Müdigkeit kam über das verlassene Kind — eine Sehnsucht nach Schlaf ohn' Erwachen. Und in der lastenden Stille, in die sie sich hineingesogen fühlte, war nun ein Laut nur noch: das einlullende Rieseln und Rauschen der gelben Gewässer neben ihrem Pfad, die so erbarmungslos die weißen Flocken einschluckten in ihren gurgelnden Schwall. Ach! wer auch so eine weiße Flocke wäre, so rasch und völlig versinken, zergehen könnte ...

Aber schreckhafte Gesichte drängen sich vor — wie schauervoll müßte das Ende sein, wären diese Flocken nicht fühllos, wären sie nicht der Flut wesensgleich, die sie verschlang? Du aber, Asta, du bist ein junges, heißes Menschenkind, du wirst nicht leicht und sanft dich auflösen und verschmelzen mit den Gewässern, die meerwärts rollen da unten. Du wirst dich quälen müssen, alles in dir wird im letzten verzweifelten Ansturm noch einmal nach dem Leben in Glanz und Licht verlangen, dem du verwandt bist, in dem du dich umgetrieben, zwar oft in Tränen und Verzweiflung, doch bisweilen auch in Schauern von Seligkeit ...

Und dennoch, eine Stille wird kommen nach der kurzen Qual — eine lange, tiefe, wunschlose Stille.

Und noch ein Gedanke kam, der Furcht und Grauen schuf: Asta war in römischer Frömmigkeit erzogen, der Kinderglaube war nie ganz versiegt in ihrer unbewehrten Seele. Wenn's nun wahr wäre, was man sie gelehrt hatte von ewiger Verdammnis, von einem Wiedererwachen zu unnennbarer, unendlicher Qual? Ach nein, das war doch wohl nur Märchen und Kinderschreck — ach nein — wenn erst die Glut hier drinnen verloschen war, wenn die Glieder, die so heiß gefiebert hatten im Ueberschwang der Daseinswonne — wenn sie erst so kalt und leblos geworden waren wie drunten die strömende Flut, dann war's aus und vorbei, dann kam nichts mehr — kein Glück mehr und kein Schrecknis.

Da stieg aus den falben Nebeln, die mählich den Fluß überlagerten, ein niedres Gebäude empor, eine hölzerne Wirtschaftsbaracke, grau gestrichen, hart bis an die Strömung des Flüßchens herangeschoben, mit einer Galerie, die über das Ufer vorsprang. »Zum Wassergott« lautete die Inschrift auf dem getünchten Wirtshausschild. Im Sommer mochte hier zur Abendstunde muntres Treiben herrschen, friedliche Philisterbehaglichkeit — nun lag das kleine Anwesen kläglich verödet, ganz versunken in trostloses Schweigen.

Asta trat ans Geländer und sah, wie die gelbe Flut in quirlenden Strudeln um die schneeverwehte Treppe rauschte, an der sonst das Fährboot anlegen mochte. Und nun zu denken, daß man morgen so gefunden würde, weit, weit unten irgendwo, entstellt, zerzaust, aufgedunsen — — Aber ... das ging einen ja dann nichts mehr an, das fühlte man ja doch nimmer. Dann mochte die Welt laufen, wie sie wollte. Dann mochte der kleine Hans Thumser vor Jucunda Buchner auf den Knien rutschen und um die Gunst betteln, die Asta ihm, ach, allzu wohlfeil, allzu willfährig gewährt. Dann mochten sie Komödie spielen, solange es ihnen noch Spaß machte, sich abzuquälen für die undankbare Bande im dunkeln Parkett — ach! und wie dankbar war man doch gewesen, wenn die mal ein bißchen mitgegangen waren, wenn man ab und an sich hatte vorlügen dürfen, man sei auch wer, man habe auch die Kraft in sich, die da hinten zu packen und durch und durch zu rütteln, wie die paar es konnten, die paar Echten, die paar Großen ... Ja, spielt nur, spielt nur Komödie — auf den Brettern und im Leben. Lügt Euch Gefühle vor und laßt Euch welche vorlügen, glaubt daran oder tut doch wenigstens so, als glaubtet Ihr. Denn auch Du hast ja gelogen, kleiner Hans Thumser, als Du unter Küssen und Tränen mir schwurst, ich habe Dir das Glück geschenkt. Ich weiß es ja nun, Du hast in meinen Armen immer nur an die andre gedacht. Ob Du's bei ihr finden wirst, das Glück, das sogenannte Glück? Ob Du es überhaupt jemals finden wirst im Leben? Ich will Dir's gönnen, kleiner Hans, denn ich habe Dich sehr lieb gehabt — ich will Dir's gönnen, kleiner Hans — ich aber — ich tu nicht mehr mit, ich habe genug ...

Einen spähenden Blick noch warf Asta in die Runde. Es war nun fast ganz dunkel geworden und nichts ringsum, als das sachte Sinken der weißen Kristalle, hinter denen die schwarzen Stämme ragten, finster und stumm. — Ob es wohl lange dauern würde? Ob es sie noch einmal emportragen würde an die Oberfläche? Hoffentlich würden die nassen Kleider sie rasch in die Tiefe ziehen. Es war nicht schade drum, sie hatte sich für einen Fußmarsch im Schnee zurecht gemacht. Das bissel Flitter, was daheim herumlag, dafür würde sich schon irgendeine Verwendung finden: nur das schöne Sealskinjackett und das Barett und der Muff dazu, das war doch zu schade für die Pleiße! Irgendein Armes mochte das hier finden und es verkaufen und sich einen guten Tag dafür machen ... Sie zog die kostbaren Hüllen ab und legte sie sorgfältig zusammengefaltet unter das weitvorspringende Holzdach der Wirtschaftsveranda, wo sie einigermaßen vor dem Schnee geschützt waren. Nun schauerte sie fröstelnd zusammen im Nebelhauch der Waldtiefe. Gott — und daß nun niemand, niemand morgen weinen wird, wenn sie's hören, wenn's in der Zeitung steht, wenn zum letzten Mal von Asta Thöny was in der Zeitung steht — ach, allzu viel Schönes hat nie dringestanden über Asta Thöny — und keiner wird weinen, nicht ein einziger von all den vielen, vielen, die mich geküßt und mir von Liebe geschwatzt haben, nicht einer. Auch Du nicht, Hans Thumser, ach, auch Du nicht ...