Und sachte wie die weißen Flocken in die träge ziehenden Fluten niederglitten, so sachte ließ Asta Thöny sich niedergleiten von der schneeverwehten Treppe an der Holzveranda des Restaurants »Zum Wassergott« ...
Valentin Pilgram war nachmittags gegen halb vier von dem Repetitor nach Hause gekommen, um sich in das gewohnte, besinnungslose Arbeiten hineinzustürzen, mit dem er nun schon seit Wochen sich zu betäuben gewohnt war.
Als er durch den dunklen Korridor schritt, kam die Frau Kanzleirätin aus der Küche mit einem Brett voll Teegeschirr und ging zu Jucundas Stube hinüber. Verlegen erwiderte sie seinen Gruß; wie die Tochter, so wich auch die Mutter dem Zimmerherrn aus, wo irgend möglich, seit jenem verhängnisvollen Morgen ...
Als sich die Tür zu der Stube der Schauspielerin öffnete, sah Valentin Pilgram mit einem Blick, daß dort Vorbereitungen für den Empfang eines Besuches getroffen wurden: festlich gedeckt glänzte der Tisch, sorgfältig waren die Blumenspenden der letzten Abende arrangiert, kurz, alles verriet ein nahes Fest.
Wer mochte erwartet werden? Ein paar Kolleginnen oder Kollegen ... oder? — Valentin wußte, daß der Erbprinz keine Vorstellung versäumte, in der Jucunda auftrat, er hatte bei jeder Premiere unter den Riesenschleifen der Lorbeerkränze die Farben von Nassau-Dillingen erkannt. Also zum mindesten war Seine Durchlaucht nicht mehr in der Ungnade ...
Merkwürdig: der gewohnte Arbeitsfriede wollte heute nicht kommen. Immer lauschte der Kandidat auf Stimmen da drüben, in der ingrimmigen, quälenden Hoffnung, sie möchten recht behalten, jene ekelhaften Vermutungen, die sich immer deutlicher in ihm emporreckten: der Erwartete möchte der Erbprinz sein ...
Und endlich schlug die Glocke im Hausflur an. Valentin Pilgram fuhr in die Höhe, schlich zur Tür und lauschte. Dabei überkam ihn brennende Scham: was war aus ihm geworden, daß er das Tun und Treiben anderer Menschen zu beschnüffeln und zu bespitzeln gelernt hatte? Das war doch früher nie gewesen ...
Und horch — die Stimme eines jungen Mannes ... aber das näselnde, gequetschte Organ des Prinzen war's nicht, es war eine frische, klangvolle Stimme ... es war ... Hans Thumsers Stimme ... Ach — also der!
Er hörte ganz genau, wie Mutter Kanzleirätin den Besuch zur Stube der Tochter führte, wie sie anklopfte, wie des Mädchens volltöniger Alt das Herein ertönen ließ, wie sie lebhaft und freudig den Besucher begrüßte, wie jener verbindlich und bewegt erwiderte.
Das Blut stieg dem Lauscher ins Hirn, in die Augen — die Gedanken quirlten einander überstürzend empor und machten ihn schwindeln. Also er —! Wundervoll! wundervoll! Wie das alles sich zusammenfand, wie die vagen Vermutungen, die greulichen Phantasien der letzten Wochen sich nun zu festen, zweifelsbaren Schlüssen zusammenfügten! Nun freilich — nun war's ja klar, wie der Frankenzirkel und Hans Thumsers Initialen auf jenen Bogen geraten waren, der Jucundas Absagebrief trug! Man hatte es verstanden, ihn beiseite zu schieben — hatte seine schnelle Ritterschaft lächerlich zu machen gewußt, um seine eigenen Chancen zu verbessern! Freilich, daß man mit einer solchen Gemeinheit auf dem Gewissen den Mut nicht gefunden hatte, den Hintergangenen, den an die Wand Gedrückten in seiner Einsamkeit zu besuchen — kein Wunder schließlich! Und auch heute hatte man den Weg zur Tür des einstigen Korpsbruders nicht gefunden, obwohl man unter einem Dache mit ihm war! Also so etwas gab's — so viel Infamie barg sich hinter der zur Schau getragenen Besonderheit, der phantastischen Eigenart des Reimedrechslers! — — Na warte, Bursche!