Valentin Pilgram hatte kein Talent zum Lauscher an der Wand. Er schlich an seinen Schreibtisch zurück, vergrub den Kopf in den Händen und wühlte sich in das krause System des römischen Erbrechts hinein. Aber die Buchstaben hüpften vor seinen Augen, die Sätze verwirrten sich, führten sinnlose Tänze auf, und etwas Unwiderstehliches zog ihm immer wieder die geballten Fäuste von den Ohren ... Da drüben klapperten die Tassen, plätscherte munteres Gespräch ... kein Satz zu verstehen, höchstens einmal ein einzelnes Wort. Nun ein erregtes Lachen, nun Schritte durchs Zimmer, nun in raschem Wechsel Geplauder, ein Hinüber und Herüber von Scherz und Neckerei jetzt und nun von Rede, deren Sinn man nicht verstand, deren Klang aber deutlich genug von wachsender Vertraulichkeit, von innigem Austausch redete ... Ja freilich, der wußte besser, wie man mit Frauen, mit Künstlerinnen reden muß, um Eindruck zu machen!

Valentins Gedanken verwirrten sich. Es war ihm nun, als müsse Hans Thumser das alles mit diabolischem Raffinement ausgeheckt haben, was sich vollzogen hatte. Gewiß war er schon längst hinter Jucunda her — war er's nicht gewesen, der die Idee mit dem Pferdeausspannen ausgeheckt — und war er nicht an jenem Abend als des Erbprinzen Gast an seiner Seite im Theater gewesen? Gewiß hatte er auch in Erfahrung gebracht, mit welch geschmackloser Zudringlichkeit der Erbprinz und der Major sich bei Jucunda einführen wollten, und hatte schon damals sein Plänchen geschmiedet ... Alle Wut und Qual der letzten Wochen knäuelte sich zusammen zu einem einzigen, alles verdrängenden Gefühle der Empörung, des Ingrimms, der Rachelust ... ihn, diesen glatten Lächler, diesen geschmeidigen Buben, stellen ... züchtigen!

Aber nein — das war nicht länger zu ertragen, dieser Zusammenklang der zwei Stimmen da drüben, der gehaßten und der ach ... in tausend Schmerzen geliebten! War er denn verdammt, all jenes Glückes Ohrenzeuge zu sein, das er für sich selbst nur in fernen Träumen zu ersehnen gewagt hatte? Und das dem Buben da drüben in den Schoß fiel. Nein, das nicht, das doch nicht! Fort, hinaus, in das Schneegetriebe da draußen, weg aus diesem dumpfen Zimmer, dessen Luft bis zum Ersticken angefüllt war mit vergangener und gegenwärtiger Gedankenqual!

Valentin Pilgram stand auf. Er warf seinen Winterpaletot um, stülpte den weichen, zerknüllten Filzhut auf den unfrisierten Kopf, nicht achtend, daß beide Kleidungsstücke seit Tagen nicht gebürstet, von dickem Staub umlagert waren. Er, der sonst so peinlich gestriegelte Korpsstudent, hatte seit Wochen sein Aeußeres schlimmer vernachlässigt als der armseligste Prolet unter den Kommilitonen ... Er griff nach dem wüsten Knotenstock, den er sich für fünfzig Pfennig in irgend einem Kram gekauft, seit er das silberbeschlagene spanische Rohr mit der Dedikation seines Leibburschen nicht mehr führen durfte ... und nun hinaus — nur hinaus!

In der kurzen Stunde, seit der Jungschnee sich eingestellt, waren Bürgersteig und Straße mit fußhohen Schneemassen überschüttet. Mühsam bahnten sich die Fußgänger ihren Weg, trübselig stapften die Droschkengäule daher, wie schwarze Silhouetten schoben Menschen, Tiere, Gefährte einander vorüber, die ersten Laternen äugelten mit trübem Blinzeln durch den Flockennebel, der ohn' Unterlaß herniederwogte. Von weißen Kanten eingesäumt, reckten sich die finstern Fronten der alten Barockpaläste zu beiden Seiten der engen Straße. Jedes Geräusch war eingesogen von den weichen Polstern des Grundes, den stiebenden Flockenmassen, welche die Luft verhängten.

Der junge Gesell, der mit aufgeschlagenem Rockkragen, die Hände in den Manteltaschen vergraben, verloren und ziellos durch die Straßen pendelte, hielt es nicht aus inmitten des lautlosen Lebens, das sich schattenhaft an ihm vorbeidrängte. An der Thomaskirche vorüber, deren schwarzer Giebel sich droben in dem weißen Dunst verlor, pendelte er auf den Ring hinaus, wo die Zweige der Baumreihen, des Gebüschs unter der Wucht ihrer weißen Last sich bogen und knackten. Zur Linken stieg das finster dräuende Massiv der Pleißenburg in die silbernen Schwaden, das Rund des Turmes hob sich als riesiger Schattenriß von den Lichtfluten um den Roßplatz und Königsplatz ab. Und nun der winterstille, menschenleere Johannispark! Hier ließ sich aufatmen, hier wurde die Brust freier. Hier klärte sich das Gedankenchaos ...

Ja, es mußte gehandelt werden. Die ganze Fülle der verhängnisvollen Ereignisse, die Valentin Pilgram aus seines Lebens sicher vorgezeichneter Bahn so jählings hinausgeschleudert in ein uferloses Nichts, das alles drängte zu einer entladenden, entlastenden Tat. Und diesmal würde seinem Vorsatz Erfüllung werden — diesmal würde er nicht wie Don Quichotte gegen die Windmühlenflügel anrennen, um alsbald entsattelt an der Erde zu zappeln, ein Spott der Welt ... Diesmal würde er den waffengeübten Arm zum sicher treffenden Schlag zu brauchen wissen, mitten in des Feindes Fratze!

Des Feindes! — es gab ja nur den einen! In ihm schien dies aberwitzige Schicksal der letzten Wochen Gestalt angenommen zu haben — in jenem jungen Burschen, der sich jetzt gewiß von Jucundas Lippen den Dank holte für eine ganze Kette von Niederträchtigkeiten und Bübereien. Ihn züchtigen — ja das war's! Das forderte die Stunde!

Und dann? Was kam dann?! Dann würde man sich gegenüberstehen, Aug' in Auge, den Lauf der Waffe auf des Feindes Herz gerichtet ... das war dann das Gottesgericht ... Dann würde sich's zeigen, wer von ihnen beiden weichen müsse von dieser Welt, die nicht Raum mehr hatte für sie beide ...

Und ... dann?!