Hans Thumser sollte fallen. Er wollte es. All die eiserne Willenskraft, die bis zu dieser Stunde sein junges Leben vorwärts getrieben, er würde sie in das kleine Stückchen Blei hineinlegen, das des Feindes Herz finden sollte. Das war dann die Sühne, das war die Wiederherstellung der heiligen Weltordnung, welche von den Gesetzen der Ehre regiert wird, der Ehre, deren Ritter er gewesen war, und die jener andere mit Füßen getreten hatte ... jener andere, der heut noch das dreifarbene Band um die Brust trug, das er, der Getreue, eingebüßt hatte dank jenem sinnlosen Schicksal, dem er unterlegen war bis heut. Aber dies stumpfsinnige, brutale Schicksal, es sollte nicht Meister bleiben in der Welt, solange er noch Kraft hatte, den Hahn einer Pistole abzudrücken ...

Und dann?! Er wußte den Gesetzesparagraphen zu nennen, dem er dann verfallen war; die Höhe der Strafe, welche seiner wartete. Das war ja wiederum der groteske Unsinn dieser Zeit, daß die Gesetze des Staates das Recht der Selbsthilfe dem Manne versagten, der am Heiligsten seines Lebens gekränkt war: an seiner Ehre ... Dieselben Gesetze, die den Beleidiger der Ehre mit Strafen von kindischer Winzigkeit bedrohten ...

Immerhin — lieber zwei Jahre lang als Gefangener auf dem Königstein, lieber das, was liberale Zeitungsschmierer einen Duellmord nannten, lieber das alles, als dieses zermürbende Gefühl der Ohnmacht, der Wehrlosigkeit gegen menschliche Infamie und den Aberwitz des Fatums!

Schon war des einsamen Wanderers Hutkrempe von einem dichten Schneekranz umlagert. Nasse Schauer sprühten ihm um die glühenden Wangen, eisige Tropfen rieselten ihm über Hals und Nacken. Er achtete es nicht. Den Kopf tief in den Schultern vergraben, stolperte er fürbaß. Schon lag der Park hinter ihm, mechanisch verfolgte er den nächsten Pfad, der hart am Saume des rechten Pleißeufers zwischen den reckenhaften Schäften der hochstämmigen Eichen und dem dürren Gestrüpp der Erlen entlang führte. Als sein Blick zufällig die gelben Fluten der gurgelnden Pleiße streifte, stieg mitten in sein finsteres Brüten hinein ein lachendes Bild heiterer Jugendlust:

Die S. C.-Kahnfahrt nach Connewitz, welche die Leipziger Korps in jedem Sommersemester gemeinsam unternommen hatten ...

Wann war doch das gewesen? Vor einer Ewigkeit ... in einem andern, versunkenen Leben ... Damals hatte die Welt in tausend Farben geleuchtet, hatten bunte Mützen und grellfarbige Bänder geblinkt, heiter abgehoben vom dunklen Grün der Ufersäume, vom Blau des klaren Himmels, das sich in den freundlichen Wellen des Flusses spiegelte ... Flüchtig, wie es herangeweht, zerstob das Bild, und wieder war nichts als der schneestarrende Wald und drunten die blaugraue Flut und ringsum Dämmerung und lastende Einsamkeit. Nur drüben, am jenseitigen Ufer, wohl zwanzig Schritte vor Pilgram, ging noch ein anderer einsamer Mensch, ein schwarzer, formloser Schatten, vorüberhuschend vor dem silbernen Reif, der den ganzen Wald, der alle Welt überflitterte.

Und wieder tauchte Valentin Pilgram tief in den schaurigen Abgrund seiner Grübeleien.

Wie, wenn es nun anders kam? Wenn das Gottesgericht gegen ihn entschied? Nun dann war eben alles aus — und er brauchte doch wenigstens nicht mehr zu leben auf einer Welt ohne Sinn ...

Aber — die daheim —?! Die Eltern, deren Stolz er war, er wußte das ... Der eifrige Vater, der in rastloser Arbeit zu einer der obersten Stellungen in der Königlich sächsischen Rechtspflege emporgestiegen war und in den zwanzig Jahren rüstiger Arbeit, die noch vor ihm liegen sollten, noch höher zu steigen hoffte? Er, in seiner starren Rechtlichkeit, seiner tadellosen Korrektheit der Art des Sohnes so innig verwandt? Nie hatten Vater und Sohn voreinander Worte zu machen gebraucht von dem, was sie beide längst wußten: daß sie Menschen einer Rasse, eines Wesens waren, würdige Glieder einer uralten Familie hochangesehener Gelehrten, Geistlichen, Beamten, die stets eine Zierde der Stadt, des Staates gewesen waren ... und die gute Mutter, ein Mensch, so recht zur Ergänzung dieses Schlages geschaffen, ohne starke Persönlichkeit, voll tiefsten Respekts gegenüber dem Gatten und dem Sohne, denen sie sich allzeit als freudige und nützliche Dienerin untergeordnet hatte, entsprechend den Traditionen der ehrbaren Geschlechter, aus denen auch sie entsprossen war, und die allzeit aufrechte Säulen der Ordnung und Tüchtigkeit gewesen waren. Die Schwestern, von der Mutter nach ihrem Vorbilde erzogen zu braven Gattinnen für diese ehrenfeste Art Männer, wie das Vaterland sie immer gebraucht hatte und, will's Gott, immer brauchen würde ... und nun — ein Sohn im Duell gefallen ... in einem Duell, in dem eine Rolle, eine wenn auch noch so entfernte Rolle immerhin ... eine Schauspielerin ... gespielt hatte? War das nicht wider den Stil der Familie? wider alle Gewohnheit ihrer Daseinsführung?

Nein, das war es nicht. Untadelig war, was immer er getan, seit Jucunda Buchners Bild emporgetaucht war in seinem jungen Leben, das nichts als Ehre gewesen war. Untadelig ... Und so würde er's vor jenem ernsten Gange für die Lieben daheim aufzeichnen, würde für jeden seiner Schritte die Motive, die Handlungen angeben, die Zeugen benennen. Und so würden die Seinen des Gefallenen mit tiefer und reiner Trauer ohne Groll und ohne Scham gedenken können, ja mit Stolz als eines Menschen, der auch diesem absurden Spiel dämonischer Mächte gegenüber geblieben, was er stets gewesen: ein Mensch ihrer Art ...