In diesem Augenblick trieb ein Windstoß dem einsamen Wanderer einen heftigeren Guß prickelnden Schnees ins Gesicht und scheuchte ihn aus seiner Versunkenheit auf. Es war fast völlig finster geworden, und Valentin Pilgram entschloß sich zur Stadt zurückzukehren. Seine Entschlüsse waren gefaßt, klar vor ihm lag der Weg, den seine Pflicht ihn gehen hieß. Zu was noch länger ziellos durch die Einsamkeit streifen? Daheim waren die Bücher ... und in wenig Tagen würde das Examen beginnen ... und Ruhe würde ja nun auch geworden sein daheim. Heut abend waren wieder die »Piccolomini« — Jucunda würde schon im Theater sein ...
Schon war Valentin Pilgram im Begriff kehrtzumachen, da fiel sein Blick zum jenseitigen Ufer, und er sah im letzten Dämmerschein etwas Unbegreifliches:
Kaum noch in matten Umrissen erkennbar, lag drüben die Sommerwirtschaft »Zum Wassergott«. Dort hatte er nach manchem Spaziergange mit Korpsbrüdern die Hitze des Marsches an einer Gose gekühlt und dem munteren Treiben der sonntäglichen Kähne auf dem Flusse zugeschaut. Und seitlich, an der Treppe, wo die Fähre anzulegen pflegte, stand ein Mensch, eine Frau. Auch sie nur ein grauer Schatten vor dem Dunkel, das unter der Galerie lastete. Und dieser Mensch tat nun etwas ganz Sonderbares: dieses Weib legte seine Kopfbedeckung ab — es schien eine Pelzmütze zu sein — und zog das Jackett aus, schob beides zusammengefaltet nach hinten in das Dunkel und stieg nun die Treppe hinunter bis dicht ans Wasser. Und nun — — in jähem Schrei entlud sich Valentins Entsetzen!
Schon in der nächsten Sekunde aber reagierte ganz automatisch sein Instinkt auf das grauenhafte Schauspiel, das sich bot. Mit einem Ruck riß er die Knöpfe seines Paletots und seines Rockes auf, schleuderte beide Kleidungsstücke mit einer jähen Bewegung in den Schnee und war mit einem Satz am Ufersaum, mit einem zweiten schoß er in die gelbe Flut hinaus. — Die markerschütternde Kälte des Wassers lähmte eine Sekunde lang seine Glieder wie sein Hirn, im nächsten Augenblick aber durchschoß ihn ein siedender Feuerstrom. Jeder Nerv, jeder Muskel spannte sich an wider das eisige Grauen — Arme und Beine strafften sich, mit heftigen, ruckartigen Stößen setzte er sich zur Wehr gegen die zähe Umklammerung des kalten Elements, in dem er trieb. Er schwamm, er wußte sein Ziel. Ueber der fernen Stadt lag ein roter Schwaden, dessen Widerschein sich in den träge hingleitenden Fluten spiegelte. In diesem matten Perlmutterglast glitt eine dunkle Masse, auf die schwamm er zu. Wenig Stöße, dann war's getan. Er griff in ein nasses Bündel Kleider hinein, fühlte warme Menschenglieder, umspannte eine schlanke Gestalt. Kaum spürte der wehrlose Körper die fremde Berührung, da zuckte er in aufbäumendem Entsetzen zusammen, krümmte sich, warf sich hin und her in den Eisstrudeln, welche die hintreibenden Leiber umquirlten. Doch nicht umsonst hatte der Student seine Muskeln in der harten Zucht des Fechtbodens gestählt und ihre Kraft in mehr denn zwanzig Waffengängen erprobt. Mit eisernem Griff umschlang er das zarte Figürchen, rang die strampelnden Arme nieder und lenkte mit heftigen Beinstößen dem nahen Ufer zu. Die nassen Kleider legten sich wie stählerne Klammern um seine Beine, der Druck der Schuhe machte die Füße schwer und hilflos, doch mit wildem Ungestüm zwang der Wille jedes Hemmnis nieder, den Frost, den Verzweiflungskampf der zuckenden Glieder, die er mit seinen Armen umschloß. Nach wenigen Sekunden fühlten die Füße Grund, Schlammgrund, doch er hielt. Nun packten beide Arme mit unwiderstehlichem Griff das leichte Körperchen um Hüften und Knie — noch ein kurzes, heftiges Ringen, dann griff die Linke einen tiefniederhängenden Weidenast, die Rechte schleifte die zappelnde Last durch die gurgelnden Wellen. Nun spannten beide Arme noch einmal sich an und hoben mit hartem Ruck den gefangenen Leib in die knackenden Büsche der Uferböschung hinein. Nun klang ein wimmerndes Stöhnen, nun keuchten klagende Laute wie eines kranken Kindes Stimme:
»Lassen Sie mich doch ... o bitte ... bitte, lassen Sie mich doch los!«
»Ne — gibt's nich!« keuchte der Student. Mit letzter versagender Kraft würgte er sich selber durch die schneeüberstäubten Zweige des Ufergestrüpps hindurch, zog den Körper der Geretteten vollends hinauf und ließ ihn in den lockeren Schnee gleiten, weil die ausgepumpten Muskeln nichts mehr hergaben. Schwarze Finsternis ringsum — nichts hörte Valentin, als das raschelnde Keuchen der eigenen Lungen, das ratternde Hämmern des eigenen Herzschlages und dazu aus der geheimnisvollen Dunkelheit zu seinen Füßen das wimmernde Schluchzen einer Mädchenstimme — immer nur dies wimmernde Schluchzen, dies hilflose Greinen.
»Lassen Sie mich doch los ... o bitte, bitte ... lassen Sie mich doch!«
»Ne,« keuchte Valentin Pilgram, »das können Sie nun wirklich nich ... von mir ... verlangen, Verehrteste ... ich hab' mich dermaßen für Sie ... abgeschunden ... jetzt lass' ich Sie nich wieder ... in die nasse Sauce da!«
Mit der Ueberwindung der Gefahr war ein grimmiger Humor über ihn gekommen. Er richtete sich auf, reckte die stählernen Glieder, schlug ein paar mal die Arme über der Brust mit kräftigem Ruck zusammen, um sich gegen die Frostschauer zu wehren, die sich in seine Haut einfraßen. Dann bückte er sich zu der Geretteten, bekam das schlanke Figürchen um die Taille zu fassen und setzte es mit einem energischen Hub auf die Beine.
»So, nun bleiben Sie gefälligst stehen ... aber nein, kommen Sie mit mir, wir rennen zum »Wassergott« zurück ... das macht warm ... Sie haben ja da meines Wissens Ihre Oberkleider gelassen, die holen wir ...«