In der Finsternis fand er die weichen, duftigen Pelzhüllen, ahnte voll Respekt, daß es sich um Kostbarkeiten handeln müsse, und hüllte seine Gefangene sorglich hinein. Sie wehrte sich nicht ...
Und nun der Heimweg. Durch das schneebepuderte Gitterwerk des dürren Waldes am jenseitigen Ufer leuchtete der Widerschein der fernen Stadt, der einen gelblichen Lichtbogen wie eine matte Aureole in die niederwallenden Schneenebel hineinzeichnete. Perlmutterfarben widerleuchtete sein Schein auf den friedlich meerwärts gleitenden Pleißefluten.
Das junge Blut, vom raschen Gang, von der fiebernden Erregung der Herzen aufgepeitscht, besiegte mählich die Frostschauer, die von den nassen Kleidern her die Glieder überrieselten. Und mit einem geheimnisvollen Gefühl brüderlichen Stolzes hielt der Student das zarte Figürchen umschlungen, preßte es an sich, wie um ihm abzugeben von der Siedeglut, die ihn durchpulste.
Noch immer schwieg sie, und wie ein Wasserfall redete Valentin auf sie ein:
»Das hätt' ich mir weiß Gott auch nicht träumen lassen, daß ich meinen Spaziergang in so angenehmer Gesellschaft beenden würde. — Und Sie? Finden Sie es nicht doch viel netter, zu zweit hier im Schnee zu waten, als einsam da unten in der dreckigen Pleiße zu paddeln? — Sehen Sie mal, wie hübsch sich drüben das Gezweige von dem roten Himmel abhebt! Da kann man's wahrhaftig sehen, wie helle die Leipziger sind — sogar der ganze Himmel ist hell über dem guten alten Biernest ... Aber nu sagen Sie doch auch mal was, Fräulein! oder haben Sie Ihre Stimme da unten im Wasser gelassen? Das wäre doch schade. Ich denke mir, Sie müssen sehr niedlich plaudern können ... Soll ich Sie vielleicht noch einmal erleuchten und mich auch, damit Sie sehen, daß Sie es mit einem ganz ordentlichen Kerl zu tun haben? Sie haben doch am Ende nicht gar Angst vor mir?«
Und horch!
Da klang's auf einmal aus der Dunkelheit neben seiner Schulter, leise wie ein Taubengirren:
»Angst ... ach nein — wie könnte ich Angst vor Ihnen haben, Sie sind ja so gut zu mir —«
»Hurra! sie kann wieder reden!« jauchzte der Bursch. »Herrlich! herrlich! Und nun — nun sagen Sie mir's mal gleich, wohin ich Sie bringen darf? Denn nach so einer Strapaze gehören kleine Mädchen ins Bett ... Auch ein Glühwein könnte nicht schaden. Also — wohin soll's gehen? Heraus damit!«
Leise nannte das Mädchen seine Adresse. Unwillkürlich schmiegte sie sich fester in den führenden, schützenden Arm. Ihr war, als sei ihr noch nie so wohl gewesen, so geborgen wie in diesem Augenblick. Das Dasein, das ihr vor einer Viertelstunde noch schal und wertlos erschienen war, nun glomm es wieder auf in ihr voll Sehnsucht nach neuem Erleben, voll Dankbarkeit, noch da zu sein, die eigene Wärme siegen zu fühlen über die eisige Nässe, der sie sich anvertraut — das ferne Leuchten zu sehen über der Stadt, wo die Menschen hausten, wo das Leben brandete, wo man Komödie spielte — aß und trank, lachte und küßte ... Gott, welch ein Wahn, welch eine Raserei war doch nur über sie gekommen und hatte sie da hinuntergetrieben —?