»Aber Verehrteste ... ich begreife faktisch nicht ... wie kommen Sie auf derartige Vermutungen?«

»Ach, ich weiß ... ich weiß ... Sie wollen sich rächen an Herrn Thumser! Ich weiß alles — alles weiß ich ... Fräulein Buchner, meine Kollegin — Sie sind für sie eingetreten damals ... und dann ... dann hat sie sich schlecht gegen Sie benommen ... und Sie, Sie hatten doch so viel für sie dahingegeben, nicht wahr, so war's doch? Und heut — heut ist Herr Thumser bei Fräulein Buchner zum Tee gewesen, nicht wahr? ... Und Sie, Sie haben das gehört und sind wütend auf ihn — weil Sie denken, er hat mehr Glück bei Fräulein Buchner als Sie nicht wahr? O, gestehen Sie's nur, es ist ja keine Schande — und dann, dann haben Sie mich gefunden da draußen und denken, er hat mich auf dem Gewissen ... Sie sehen, ich weiß, ich weiß alles. Und nun, nun wollen Sie ihn — ich weiß nicht, was Sie mit ihm machen wollen, aber etwas Schreckliches ist's gewiß. Sehen Sie — Sie schweigen — sehen Sie, ich habe alles begriffen, alles! Ist's nicht so?«

Mit zusammengekniffenen Lippen, die Augen fast geschlossen, regungslos hatte Valentin Pilgram den Schwall dieser bebenden Fragen über sich dahinschauern lassen. Mit grimmiger Scham fühlte er sich durchschaut, fühlte den geheimsten Trieb seines Wollens bloßgelegt, den er vergeblich mit dem lügnerischen Pomp eines Rächers verratener Ehre verhüllt hatte, und der doch nichts anderes war im letzten Grunde als der Neid des Verschmähten gegen den Glücklichen, als Eifersucht — ganz ordinäre, banale Eifersucht ...

Doch nein, das war ja nicht wahr — das durfte ja nicht wahr sein! Da oben klang der muntere Burschensang — da oben tafelte die Runde derer, die sich Mitglieder des ältesten Korps der Hochschule nennen durften, die das grün-gold-rote Band tragen durften, das nur den Makellosen schmücken soll. Und in ihrer Mitte saß einer, der doppelten Verrats schuldig war: an dem Gefährten dreier Semester und an der Gesellin glückseliger Liebesstunden.

Und er —? Er hatte auf all das verzichtet, verzichten müssen um der Ehre willen. Hatte das einen Sinn? Durfte das so bleiben? Nein, beim Himmel, das sollte es nicht, solange es einen Valentin Pilgram gab. Wenn er denn schon selber die geliebten Farben nicht mehr tragen durfte, deren er doch wahrhaft würdig war wie einer, sollte dann der andere sich mit ihnen brüsten dürfen, der das Recht auf sie schmählich verscherzt hatte ...?!

»Herr Pilgram,« klang's da in schmelzendem Flehen neben ihm, »so sprechen Sie doch! Bitte, bitte, so sprechen Sie doch, habe ich nicht recht?«

»Mein verehrtes Fräulein,« sagte der Student, indem er seinen linken Arm der flehenden Umschlingung entzog, »ich bedaure, Ihnen über mein Tun und Lassen keine Rechenschaft ablegen zu können. Es mag sein, daß ich etwas Aehnliches, wie Sie denken — nun, daß ich ... das gewollt habe ... und noch will. Wenn es so ist, so dürfen Sie überzeugt sein: ich weiß genau, was meine Pflicht ist ... Und darum muß ich Sie schon bitten, mich gewähren zu lassen.«

Da trat ihm das Mädchen in den Weg, legte beide Hände auf seine Schultern, brennende Augen starrten zu ihm empor, aus denen Tränen rannen, hell aufblitzend im matten Lichtstreifen, der aus der Flurtür in den Schnee der Gasse fiel:

»Nein — nein, das dürfen Sie nicht! Mir zuliebe dürfen Sie's nicht ... Ja, es ist wahr, wegen dem da oben hab' ich heute das Leben wegwerfen wollen — nun haben Sie mich gerettet — aber wenn Sie ihm etwas zuleide tun, dann ist alles aus, dann hätten Sie mich nur lieber gleich da unten in der Pleiße lassen sollen ... Ich will nicht, daß ihm ein Leids geschieht um meinetwillen — ich will's nicht — und Sie, Sie dürfen's nicht — Sie dürfen mich nicht wieder dahin zurückstoßen, woher Sie mich heut abend geholt haben — nein! Herr Pilgram, das dürfen Sie nun und nimmermehr.«

»Gnädiges Fräulein,« sagte Valentin, »wenn es Sie beruhigen kann, so will ich Ihnen versichern: das, was jetzt gleich geschehen wird, war beschlossene Sache schon ehe ich Sie ... da draußen ... fand. Ich kann mich nicht darauf einlassen, Ihnen das alles so auseinanderzusetzen. Was Sie von mir denken mögen oder nicht denken mögen — ich kann's bedauern, aber ich kann's nicht ändern. Das alles muß nun seinen Lauf gehen. Versuchen Sie nicht mich aufzuhalten, es hat keinen Zweck.«