Es sollte wohl nur ein sanfter Druck sein, mit dem die hageren Hände des weiland Frankenseniors die runden Gelenke der Schauspielerin von seinen Schultern lösten, doch er war unwiderstehlich, wie das Zupacken stählerner Zangen. Mit der gleichen unerbittlichen Gewalt, mit der er vor wenig Stunden des Mädchens Glieder der Flutenumschlingung entrissen, schob er sie nun zur Seite, wie ein willenloses Püppchen, und war mit zwei raschen Schritten im gähnenden Toreingang verschwunden.

Asta taumelte, als der Druck der gewaltigen Hände plötzlich nachließ. Dabei trat sie unversehens einen halben Schritt rückwärts, geriet mit dem Fuß in den lockeren Schneeaufwurf über dem Rinnstein, sank tief ein, strauchelte, fiel in die Knie, stieß einen Schmerzenslaut aus: sie mußte sich den Fuß verstaucht haben. Aber die heiße Angst um das, was werden mochte, jagte sie wieder empor. Sie humpelte mit schmerzverzogenem Gesicht zur Tür, stieß sie auf, lauschte hinein. Droben auf der Treppe waren Pilgrams Schritte schon verhallt. Nur das Burschenlied brauste noch immer weiter, klang und schwang durch das ganze altersmüde Gebäude. In dem kleinen Restaurant des Erdgeschosses zur Linken das schläfrige Stammtischgeschwätz, das Auftrumpfen der Karten, das Klappern der Biergläser. Asta schlich durch den Hausflur, hinkte mühsam die Treppe hinauf, stand wieder an der Tür mit dem Porzellanschildchen: Corps Franconia, legte das Ohr an die dünne Holzwand und lauschte.

Ganz deutlich dröhnte nun ein neuer Vers des feierlichen Liedes da drinnen, dazwischen halblaute Stimmen, es schien Pilgram zu sein, welcher im Flur mit dem alten Mann verhandelte, der sie vorhin an der Pforte beschieden. Aber dies leise Gespräch blieb unverständlich, dagegen war der Text des Liedes Wort für Wort zu verstehen. In frohem Trotz scholl die alte Jugendweise daher:

»Lasset nicht die Jugendkraft verrauchen,
In dem Becher winkt der gold'ne Stern!
Honig laßt uns von den Lippen saugen,
Lieben ist des Lebens süßer Kern!
Ist die Kraft versaust,
Ist der Wein verbraust,
Folgen, alter Charon, wir Dir gern!«

Und nun plötzlich war das Lied zu Ende, ein paar unverständliche, kommandoartige Worte klangen von drinnen, ein lustiger Aufschrei von vielen Stimmen, dann munter durcheinander schwirrendes Stimmengewirr. Einige Sekunden verflossen so: dann hörte Asta ganz deutlich, wie drinnen eine Tür heftig aufgerissen wurde und jemand in den Flur trat — und jetzt klang drinnen gedämpft, doch klaren, festen Klanges des geliebten Jungen Stimme:

»Guten Abend, Pilgram — Du hast mich zu sprechen gewünscht? Bitte, was steht zu Deinen Diensten?«

Da fühlte Asta, wie der Puls ihres Herzens aussetzte. Ganz fest preßte sie ihr Ohr an das glatte, ölgestrichene Holz, ihre froststarren Hände umklammerten krampfhaft den messingenen Türgriff, und in schlotterndem Lauschen vernahm sie jedes Wort, das drinnen gesprochen wurde, vernahm sie alles, was drinnen geschah ...

Hochaufgerichtet standen die zwei schlanken Jünglingsgestalten einander drinnen gegenüber in dem schmalen Flur, den nur eine schwelende Petroleumlampe erleuchtete. Rechts und links hingen Kneipjacken und Garderobenstücke an den Regalen, welche die Wände umzogen — ein fader Dunst von altem Tabak und Bierneigen füllte den dumpfen Raum. Hinter der mittleren Tür, die zum Kneipzimmer führte, klang heftiges Stimmengewirr, das stiller und stiller ward. Offenbar war man drinnen aufmerksam geworden, daß hier draußen sich Ungewöhnliches vollziehe, wartete man gespannt, wie das wohl werden möchte.

Hans Thumser hatte Pilgram die Hand hingestreckt. Der übersah sie, griff stumm in die Brusttasche seines Rockes und reichte Hans Thumser einen Brief hin.

»Lies!« sagte er.