Aber schau — wer war denn das? Da kamen aus der Kleinen Fleischergasse zwei grüne Mützen heraus, zwei Franken-Korpsburschen, sehr feierlich. Der eine, der ältere, trug den Paletot nachlässig geöffnet, und man sah darunter den bis hoch hinauf zugeknöpften Bratenrock ... Handschuhe trugen sie, gestreifte Hosen und Gummigaloschen. Der ältere, den kannte sie, den hatte ihr Hans einmal von ihrem Fenster aus gezeigt, es war Volkner, der jetzige Häuptling des Frankenbundes. Ingrimmigen Ernst auf den jungen Gesichtern, steuerten die zwei über den Marktplatz, bogen in die Katharinenstraße und verschwanden in der Tür, die sie selber soeben verlassen.

O Gott — sie wußte, was die zwei zu suchen hatten bei Valentin Pilgram da droben ... sie wußte: die sollten ihm Hans Thumsers Forderung überbringen ... das waren die Kartellträger ...

Daß Hans Thumser kein Glück gehabt bei Jucunda ... und daß sie selber es der verhaßten Rivalin einmal gründlich gegeben — über dieses doppelte Glück hatte Asta völlig den blutigen Ernst der Situation vergessen ... Sie wußte: Kavaliere — und waren sie auch erst seit ein paar Semestern flügge geworden, wie die Herren Korpsstudenten — die fackeln nicht lange mit dem Austrag solcher Händel. Und wenn erst die Pistolen geladen sind, dann kommt guter Rat zu spät ... und dabei mußte sie ja doch in die Probe. Morgen abend war ja Abschiedsvorstellung — »Wallensteins Tod« — und wenn sie auch nur ein winziges Röllchen hatte, das Fräulein von Neubrunn, Theklas Gesellschafterin und Vertraute — die Probe versäumen, das hätte sie sich doch nicht getraut. Der stramme Pflichtgeist, der das Meininger Ensemble beseelte, ließ einen solchen Gedanken selbst in höchster Not niemals aufkommen. Schon dreiviertel zehn, also höchste Zeit! Asta sprang in eine Droschke, befahl »Zum Carolatheater!« und drückte sich fröstelnd in den verschlissenen Plüsch. All ihr Uebermut war verweht. Was auf den starren, korrekten Amtsgesichtern der zwei jungen Gesellen da gestanden hatte, das legte sich wie eisig umklammernde Knochenfinger um ihr Herz.

Die zwei suchten Pilgram ... und wenn er jetzt noch nicht daheim war, er würde kommen, sie würden ihn finden, würden ihre Botschaft ausrichten ... Und dahinter lauerte ein Schreckensbild: das Bild einer tiefverschneiten Waldblöße, die in unberührter, weiter Fläche daliegt im ersten Morgenschein ... Nun rollen von hüben und drüben zwei Wagen heran, lautlos ... ein paar junge Männer entsteigen ihnen, rüsten sich zu geheimnisvoll grausigem Tun — nun treten sie alle rechts und links zur Seite, und zweie nur bleiben inmitten stehen, wenige Schritte nur voneinander, sie heben blitzende Läufe — einer zielt nach des andern Herzen ... und der eine von ihnen heißt Hans Thumser ...

Was tun? o Gott, was tun?!

Da, ein rettender Gedanke: Franz Burg ... der war doch einmal akademischer Bürger ... Wenn einer der Meininger nicht mehr ein noch aus wußte, ging er ja immer zu Franz Burg ...

Ja, das war's! Franz Burg mußte Rat schaffen. Aber wie den Gestrengen erreichen? Wenn sie auf die Bühne kam, würde die Generalprobe bereits begonnen haben — und bis die beendigt war, durfte man dem Szenenleiter mit nichts anderm kommen, aber auch mit gar nichts. Solange gehörte er nur seinem Werk. Und jeder Versuch, ihn mit andern Dingen zu befassen, würde höchstens eine erstaunliche Grobheit eingetragen haben.

Und darüber würde es drei Uhr werden ... Gott, was konnte inzwischen alles geschehen! So lange war man machtlos, war man im Dienst ... war man »Fräulein von Neubrunn, Hofdame der Prinzessin«.

Und die Prinzessin? — Selbstverständlich Jucunda Buchner ... die große Jucunda ...

Drei Uhr nachmittags.
Auf der Kneipe des Korps Misnia tagte das S. C. Ehrengericht zur Entscheidung über die hängende Pistolenforderung des Korpsburschen eines wohllöblichen C. C. der Franconia Thumser wider den früheren C. B. Pilgram.