Der Kneipsaal, sonst nur »zu den festlichen Gelagen« bestimmt, war nun zu verhängnisschwerer Tagung eingerichtet. An den hufeisenförmigen Tischen saßen die Ehrenrichter, je zwei von jedem der fünf Leipziger Korps, und von dem präsidierenden Korps Misnia noch ein dritter Korpsbursch als Protokollführer.
Wie um das feierlich Eindrucksvolle des Femgerichts zu unterstreichen, waren die Schlagläden heruntergelassen, und die gelben Flammen der Gaslichtkrone warfen zuckende Reflexe auf die bunten Mützen, die dreifarbenen Bänder, die blinkenden Scheiben der Klemmer und Monokels, die schmißdurchsetzten Jugendwangen, die in feierlich offizielle Falten gelegt waren.
Hans Thumser, als der Beleidigte, wurde zuerst gehört.
Mit knappen Worten berichtete er den Vorfall, der sich am gestrigen Abend auf der Kneipe seines Korps zugetragen. Als er geendet, fragte der Vorsitzende, Graf Schmettow, der Erste der Meißner, ein über die Maßen patenter, hagerer Gesell, dessen linke Wange eine furchtbare Säbelnarbe von der Schläfe über den Mundwinkel bis ins Kinn hinein durchzog:
»Danke, Herr Thumser. Ihre Erzählung ist natürlich so, wie sie da vorgetragen worden ist ... äh ... nicht so recht verständlich ... offenbar ist doch zwischen Ihnen beiden ... äh ... noch irgend etwas andres vorgekommen ...? Wollen Sie uns auch darüber Auskunft geben, oder wünschen Sie, daß zunächst sich Ihr Herr Gegner ... äh ... über den von Ihnen vorgetragenen Tatbestand erklärt?«
Hans Thumser sann einen Augenblick nach. Astas Bild, Jucundas tauchte einen Augenblick vor seinem Geiste auf. Hatte es einen Zweck, diese Erlebnisse in die Verhandlung mit hineinzuziehen? — Es war ja schließlich ganz gleichgültig, wie das alles geworden war ... wie es hatte kommen können, daß der einstige Korpsbruder ihm das Band von der Brust gerissen ... das war nun einmal geschehen. Die Tat lag vor, nackt und unerbittlich ... Für sie hatte er Sühne zu fordern — sie zu erklären war allenfalls des andern Sache, nicht die seine ...
»Ich habe vorläufig nichts weiter mitzuteilen, Herr Vorsitzender.«
Damit war er entlassen.
Und mit angespannter Neugier hingen nun die Blicke der jugendlichen Ehrenrichter an der Reckengestalt des Jünglings, der so lange als der Besten einer in ihrer Mitte gestanden hatte, dessen scharfe Klinge nicht nur, dessen scharfes Wort, dessen ganzes vorbildliches Wesen einem jeden stets den vollkommensten Respekt abgezwungen. Da war keiner im Leipziger S. C., der nicht den Fall Pilgram mit brennendem Interesse, mit aufrichtiger Sympathie verfolgt hätte. Und jeder hatte Gelegenheit gehabt zu beobachten, wie Franconias einstiger Senior schon gar bald nach seinem Ausscheiden aus dem Korps wie unter der Last eines grundstürzenden Erlebnisses förmlich in sich zusammengesunken war, verändert, verwildert, tiefster Verbitterung anheimgefallen.
Nun schien er wieder der Alte, zum mindesten in seiner äußeren Erscheinung. Korrekt gescheitelt und gekleidet, in tadellosem Gehrock und Lackschuhen stand er vor dem Ehrengericht, nur um seine Brust fehlte das Band und auf seinem Gesicht das alte trotzig-heitere Selbstbewußtsein ...