»Darf ich Sie bitten, mein gnädiges Fräulein, sich mit mir hinauf in meine Wohnung zu bemühen: Sie werden mir erzählen.«
Er entzündete ein Wachsstreichholz und leuchtete dem seltsamen Gast die Treppe hinauf. Der Hausflur war nun hell erleuchtet. An einer halboffenen Tür drängten sich drei weibliche Köpfe, die hastig verschwanden, als der Präsident mit seinem Besuch eintrat. Sehr höflich nahm er dem Gaste den Regenschirm ab und geleitete ihn in ein dunkles Zimmer zur Rechten, entzündete zwei Gasflammen, bat, ihn einen Moment zu entschuldigen.
Einen raschen Blick warf Asta in dem Zimmer umher. Die übliche, gutbürgerliche Einrichtung der sechziger Jahre: Mahagonimöbel, grüner Plüschbezug, an den Wänden ehrwürdige Familienbilder in Oel mit Darstellungen von Priestern und Gelehrten aus den beiden letzten Jahrhunderten. Am Fenster ein Mahagonisekretär mit Rolljalousie, darauf zahlreiche Photographien in Ständerrahmen, unter denen Asta sofort die eines schlanken Studenten in Mütze und Band herauserkannte.
Der Präsident kam zurück, bat, auf dem Sofa Platz zu nehmen, und setzte sich ihr gegenüber in einen Plüschsessel. Er hatte abgelegt. Auf der linken Brust seines Fracks schimmerte eine blinkende Ordenreihe.
Und abermals mußte Asta die Geschichte des gestrigen Abends erzählen. Der Präsident lauschte gespannt, ohne sie mit einem Wort, mit einer Frage zu unterbrechen. Als sie geendet, trat er auf sie zu, streckte ihr die Hand hin:
»Ich danke Ihnen, meine Gnädigste. Das war sehr gescheit von Ihnen, daß Sie gekommen sind. Ich fahre mit Ihnen nach Leipzig. Ich habe schon nachgesehen, um drei Uhr vierzig fährt der Zug, um halb sechs sind wir drüben. Darf ich Sie inzwischen meinen Damen zuführen?«
»Sehr gütig, Herr Präsident. Und was wird werden, was wollen Sie tun?«
»Den beiden jungen Herren klar machen, daß ihre Eltern sie nicht deshalb großgezogen haben, damit sie sich untereinander als Zielscheibe benutzen.«
»Aber werden wir auch nicht zu spät kommen? Wollen Sie nicht vielleicht vorher noch ein dringliches Telegramm an Ihren Sohn ablassen?«
»Liebes Fräulein, ich war selbst einmal Student — bin sogar Alter Herr des Korps Franconia —, wie ich die Buben kenne, scheren sie sich in solchen Fällen den Teufel um ein väterliches Telegramm. Im Gegenteil: wenn sie erst wittern, daß wir ihnen auf der Spur sind, dann kriegen wir sie morgen früh überhaupt nicht mehr zu fassen. Um halb sechs Uhr sind wir dort, vor sechs Uhr wird's ja überhaupt nicht hell um diese Jahreszeit; inzwischen werden wir überlegen, was zu tun ist. Darf ich Sie jetzt bitten, zu meiner Frau und zu meinen Töchtern hinüberzukommen?«